XXVII. Internationales Symposium für Kinderchirurgie, Obergurgl (19.-21.
Januar 1998)
Auch das 1998'er Symposium in Obergurgl war ein voller Erfolg. Es hatte
einen sehr interdisziplinären Charakter und seine Spezialität,
die offene und ehrliche Diskussion, hat in ganz besonderer Weise stattgefunden.
Das Symposium umfasste drei Themenkreise, nämlich Hypospadie, Schädelhirntrauma
und Regionalanästhesie und postoperative Schmerztherapie.
1. Hypospadie - Erkenntnisse aus Fehlern
Ein genereller Tenor in dieser Sitzung war, dass der Onlay flap den Island
flap, der zu viele Komplikationen im Sinne von Stenosen resp. Fisteln aufweist,
als Therapie der Wahl bei proximalen Hypospadien abgelöst hat. Für
komplexe Fälle, die mit einem Onlay flap nicht zu lösen sind,
scheint die Mundschleimhaut erste Wahl zu sein. Sie hat den Blasenmucosagraft,
der vor allem wegen Wucherungstendenz usw. verlassen wurde, abgelöst.
Längerfristige Resultate müssen aber zeigen, dass die Mundschleimhaut
durch den regelmässigen Urindurchfluss keine Metaplasie erfährt.
Der Vorteil der Lippenmucosa ist, dass sie eine Kapillardichte vom 2-4
fachen gegenüber normaler Mucosa aufweist, keine Schleimhautaversion
stattfindet und keine sichtbare Narbe im Bereich der Transplantatentnahme
entsteht. Die Hauptindikationen für Lippen- resp. Wangenmucosagrafts
und mit zweiter Wahl Blasenmucosagrafts sind sekundäre Rekonstruktionen
bei einer Hypospadie oder der Harnröhrenersatz bei einer Duplikatur,
Agenesie oder Trauma, weil es sich erwiesen hat, dass sich der Ureter nicht
als Urethraersatz eignet.
In mehreren Vorträgen wurden Erfahrungen mit operativen Verfahren
mitgeteilt, bei denen die Glans nach der Urethrarekonstruktion ventral
nicht geschlossen wird, um eine Stenosierung zu verhindern. P. Sauvage,
Strassburg nennt eine entsprechende Methode sogar die "Restitutio"-Operation.
Einen relativ grossen Platz in der Diskussion nahm der beste Operationszeitpunkt
zur Korrektur einer Hypospadie ein. Generell wird die Meinung vertreten,
dass der geeignete Zeitpunkt zwischen 1 und 2 Jahren, bei den meisten um
die 18 Monate liegt. International hält sich zur Zeit die Empfehlung,
Hypospadien zwischen dem Alter von 9 und 15 Monaten zu operieren, wobei
in diesem Alter die Operation aus psychologischen Ueberlegungen entweder
ambulant oder im Sinne eines Rooming-in, d.h. Hospitalisation mit einem
Elternteil zusammen, stationär vorgenommen werden sollte. Auch über
die Notwendigkeit der Erhaltung des Präputiums bei Hypospadiekorrektur
wurde rege diskutiert. Generell bleibt zu erwähnen, dass die Komplikationsrate
bei einer Präputialplastik sehr hoch ist, und die Indikation aus diesem
Grunde eher streng zu stellen ist.
Von den meisten Vortragenden wurde ganz klar unterstrichen, dass eine
Hypospadiekorrektur mit den modernen Anforderungen nur mittels Lupenbrille
korrekt möglich ist. Nur so können Fistelbildung und Stenosen
signifikant reduziert werden.
D. Kluth, Hamburg, hat in seinem Vortrag "Die Pathogenese der Hypospadie
- mehr Fragen als Antworten" aufgrund von rasterelektronen-mikroskopischen
Aufnahmen von Rattenembryonen gezeigt, dass das kürzlich von van der
Putte vorgestellte Konzept der Harnröhrenbildung wahrscheinlich stimmt.
Dieses Konzept besagt, dass die Harnröhrenöffnung nicht durch
Fusion, sondern durch das sich entwickelnde Perineum nach ventral verlagert
wird. Ein weiterer, sehr interessanter Beitrag von C. Radmayr, Innsbruck,
trug den Titel "Androgen stimulation therapy in androgen insensitivity-syndrome
patients with androgen receptor gene point mutation". Dieser Androgenrezeptor
liegt auf dem langen Arm des X-Chromosoms. Die Untersuchung erfolgt mittels
polymerase chain reaction von Fibroblastenkulturen. Beim Vorliegen eines
männlichen Pseudohermaphroditismus scheint es in Zukunft wichtig zu
sein, neben dem Karyotyp, endokrinologischen Untersuchung usw. auch molekularbiologische
Untersuchungen durchzuführen, mit der Frage, ob eine Androgenrezeptor-Genmutation
vorliegt. Von diesen Mutationen sind zur Zeit ca. 200 bekannt. Bei Vorliegen
einer bekannten Mutation dauert die Untersuchung etwa 1 Woche, ansonsten
2-3 Monate, was den Stellenwert dieser Untersuchung aktuell noch etwas
relativiert.
2. Schädelhirntrauma
Die Uebersichtsreferate von P.A. Lönnqvist et al., Stockholm, "Head
injuries in Children - time to reevaluate intensive care treatment" und
S. Fanconi, Zürich, "Die intensivmedizinische Behandlung des schweren
Schädelhirntraumas aus pädiatrischer Sicht" sowie Ch. Weinstabl,
Wien, "Intensivmedizinische Therapie des kindlichen Schädelhirntraumas"
haben klar dargestellt, dass ein Trendwechsel in der intensivmedizinischen
Behandlung von kindlichem Schädelhirntrauma weg von der kontrollierten
Hyperventilation, Cortison und Barbituratcoma zu neueren spezifischen
neuroprotektiven Massnahmen wie Hypothermie und gemässigtem Blutdruck
bei normovolämen Verhältnissen sowie einer optimalen vegetativen
Abschirmung, d.h. Analgosedierung besteht. Es scheint, dass neben dem nach
Tagen auftretenden zytotoxischen und vasogenen Hirnoedem eine akute traumatisch
bedingte Hirnschwellung auftritt. Nach Weinstabl sind die im Zusammenhang
mit einem Schädelhirntrauma auftretenden Excitotoxine wie Glutamat
und Aspertat, die im Extrazellulärraum toxisch sind, gefährlicher
als die beim Trauma auftretenden Sauerstoffradikale. In bezug auf das Monitoring
wurde mehrmals erwähnt, dass die epidurale Druckmessung mit der Gaeltec-Sonde
obsolet ist, da diese Sonde nach ca. 48 Std. meistens falsche Werte misst.
In mehreren Vorträgen wurde über die Erfahrungen der Hirndruckbehandlung
mittels hypertoner Kochsalzlösung berichtet (S. Berger et al., München:
"Hyperton-hyperonkotische Lösungen zur Hirndrucksenkung und Schocktherapie
(small volume resuscitation)", F.M. Häcker et al., Tübingen:
"Therapie des hohen intrakraniellen Druckes mit hypertoner Kochsalzlösung
bei Kindern nach schwerem Schädelhirntrauma", S. Fanconi, Zürich:
"Die intensivmedizinische Behandlung des schweren Schädelhirntraumas
aus pädiatrischer Sicht"). Eine Studie aus Zürich hat gezeigt,
dass die initiale resp. prophylaktische Behandlung mit hypertoner Elektrolytlösung
dazu führt, dass praktisch keine Hirndruckspitzen mehr beobachtet
werden. In den in den beiden anderen erwähnten Referaten vorgestelten
Studien hat die Bolusinjektion einer hyperton-onkotischen Lösung
- teilweise mit 10%igem Dextran 60% - zu einer signifikanten Senkung des
erhöhten intrakraniellen Druckes geführt. B.E. Will et al., Tübingen,
haben unter dem Titel "Entlastungskranjektomie als ultima ratio bei therapieresistenter
Hirnschwellung" über 10 Fällen berichtet, bei denen die erhöhten
Hirndruckwerte mit konservativen Massnahmen nicht zu beherrschen waren
und bei denen nach Ausschöpfung aller konservativen Therapiemöglichkeiten
fronto-parietale ausgedehnte Entlastungskraniektomien einen günstigen
Verlauf erlaubten. Diskutiert wurde in dieser Beziehung der Zeitpunkt dieser
Kranjektomie, die nicht als ultima ratio, sondern eher frühzeitig
erfolgen sollte. Ebenso waren sich die Neurochirurgen nicht einig, ob in
jedem Fall eine Duraerweiterungsplastik notwendig ist oder nicht. Zwei
Vorträge aus Berlin, F. Kirchmair et al. "Das Schädelhirntrauma
im Kindesalter als Folge von Kindesmisshandlungen" und S. Wolke et al.
"Das Schütteltrauma des Säuglings als besondere Form des Schädelhirntraumas
nach Kindesmisshandlung" hatten das Schädelhirntrauma als Misshandlungsfolgen
zum Thema. Leider sind 8-10% der Kopfverletzungen im Kindesalter durch
elterliche Gewalt bedingt. Folgen, welche das Schütteltrauma des Säuglings
nach Kindsmisshandlung hinterlassen kann, sind: Hirnwachstumsstörung,
Läsion der langen Bahnen nach 6-12 Monaten, Epilepsie nach 2 Jahren
sowie verhaltensneuropsychologische Störungen nach 3-6 Jahren.
3. Regionalanästhesie und postoperative Schmerztherapie
In dieser Sitzung ist vor allem die Wichtigkeit der Kombinationsanästhesie,
was zu einer geringeren Anästhesietiefe, besserer postoperativer Analgesie
etc. führt, mehrfach unterstrichen worden. Hervorgehoben wurde ebenso
die Wichtigkeit der präemptiven Analgesie, wobei Studien, die den
eindeutigen Effekt dieser Therapie beweisen, noch fehlen. In diesem Zusammenhang
wurde auch die Schwierigkeit diskutiert, einen adäquaten Schmerzscore
anzuwenden, weil es bei Säuglingen und Kleinkindern sehr schwierig
sein kann, Unbehagen und Schmerz klar zu differenzieren. Ganz klar hingegen
haben sich die Anästhesisten dahin geäussert, dass eine wenig
traumatische operative Technik zu deutlich weniger postoperativen Schmerzen
führt.
P.A. Lönnqvist, Stockholm, hat in seinem Uebersichtsreferat "Regional
anaesthesia and postoperative pain therapy" eine Lanze für einen "acute
pain service" gebrochen. Er versteht darunter eine erfahrene Schwester,
welche mit den entsprechenden Werkzeugen ausgerüstet den Stationsschwestern
im Erfassen von Schmerzen behilflich ist und anhand von ausführlichen
Protokollen eine standardisierte und individuell angepasste Schmerztherapie
verordnet und überwacht. Dies in Rücksprache mit dem Anästhesieteam.
Gegenstand von Diskussionen war u.a., ob bei der Circumcision der Penisblock
oder der Kaudalblock idealer ist. R. Sossai et al., Luzern, verwenden mit
Erfolg seit einigen Jahren zunehmend häufiger den Penisblock. In bezug
auf die Hypospadieoperationen besteht Uneinigkeit, ob der Kaudalblock oder
ein Periduralblock, welcher zu einer deutlich längeren Schmerzfreiheit
führt, aber potentiell auch mehr Risiken beinhaltet, adäquater
ist.
Das grosse internationale Teilnehmerfeld, die rege Diskussion, die gute
Moderation sowie die perfekte Organisation von Prof. Horcher haben zum
Erfolg des Symposiums beigetragen.