Morbus Hirschsprung
Definition
Kongenitale Erkrankung hervorgerufen durch eine abnormale Innervation
des Darmes,welche zur intestinaler Obstruktion oder chronischer Obstipation
führt (auch kongenitales aganglionäres Megacolon genannt).
Epidemiology
Inzidenz: 1/5000-8000 Lebendgeburten
Alter des Auftretens: bald nach der Geburt bis zur Kindheit
Risikofaktoren:
-
Familär: ev. autosomal recessiv
-
M > F (2-5:1)
Assozierte andere kongenitale Anomalien:
-
Trisomie 21
-
Laurence-Moon-Bardet-Biedl Syndrom
-
Smith-Lemli-Opitz Syndrom
-
Waardenburg Syndrom
-
Andere:
-
Nierenagenesie, Kryptorchismus, Blasenmissbildungen
-
nicht perforierter Anus, Meckelsches Divertikel, Poyposis des Darmes
-
Hydrocephalus
Pathogenese
1.Hintergrund
Stop der Neuroblastenmigration vom proximalen zum distalen Darm, Abwesenheit
der intramuralen myenterischen parasympathischen Ganglienzellen und des
sympathischen Plexus, welcher im Spinkter ani internus beginnt und sich
nach proximal verschieden weit vom Anus ausbreitet. Die Muskulatur im aganglionären
Segment ist unfähig zu relaxieren, die Darmwand hypertrophiert, der
Darm ist unfähig peristaltische Wellen zu übertragen, was zu
verschiedenen Ausmassen an intestinaler Obstruktion, Stase des Stuhles,
Bakterienproliferation, toxischen Megakolon und Enterokolitis führen
kann.
Aganglionäres Segment
-
in 70-75% der Fälle auf das Rektosigmoid beschränkt
-
in 10% der Fälle ist das ganze Kolon betroffen
-
in 1-10% der Fälle ist der Dünndarm betroffen
Klinische Manifestation
1.Gastrointestinale Manifestation
1.Neugeborene
-
verspäteter Mekoniumabgang (mehr als 48 Std. nach der Geburt)
-
Obstipation resp. Ileus
-
Rectale Untersuchung:
-
Sphinctertonus gesteigert, enge Manschette
-
leere Ampulle
-
Explosive Enleerung von flüssigem Stuhl und Luft bei Entfernung des
Fingers aus dem Rectum
-
wenig Gewichtszunahme
2.Kleinkinder/Kinder
-
Chronische Obstipation (typischerweise mit Beginn nach Umstellung von Muttermilch
auf teiladaptierte Milchen)
-
Auffälligkeiten in der Anamnese des Stuhltrainings
-
Intermittierendes Erbrechen
-
Grosse Stuhlmassen palpabel bei der abdominalen Untersuchenung
-
Der Stuhl ist entweder schnurförmig oder pillenartig, von flüssiger
Konsistenz
-
Rectale Untersuchung:
-
normaler Analtonus
-
Ampulle stuhlgefüllt
2.Komplikationen
Intermittierende oder komplette intestinale Obstruktion mit abdominaler
Blähung und galligem Erbrechen
Enterocolitis mit toxischem Megakolon, Diarrhoe, Apathie, Fieber, Dehydratation
und /oder Sepsis
Wachstumsverzögerung +/- Mangelernährung
Proteinverlierende Enteropathie +/- Hypoproteinämie, Oedeme
Abklärungen
1.Bildgebende Diagnostik
1.Abdomenröntgen
-
Darmerweiterung
-
Keine normale rectale Gasverteilung
2.Kontrastmitteleinlauf
-
Kalibersprung mit
-
Verengtem distalem aganglionärem Segment
-
Erweitertem proximalem ganglionärem Kolon
-
Eine Uebergangszone kann fehlen
-
Bis zu 2 Wochen nach Geburt
-
Wenn das ganze Kolon aganglionär ist
-
Verzögerte Kontrastmittelentleerung nach Einlauf
-
Diagnostisch in 81.5%, suggestiv in 14.6% und keine Diagnose durch den
Einlauf in 3.9%
2.Anorectale Manometrie
-
Fehlen des anorectalen Reflexes
kein Abfallen des Druckes des Spincter internus bei Aufblähen
des Rectums manchmal sieht man sogar eine paradoxe Erhöhung
3.Pathologie
1.Rectumschleimhautsaugbiopsie
-
Nachweis des Fehlens von Ganglienzellen im Plexus submucosus (Meissner)
und gesteigerter Cholinesteraseaktivität in der Mucosa. Nur beide
Krriterien erlauben die Diagnose des M. Hirschsprung.
2.Rectum- oder Kolonbiopsie
-
Fehlen von submucösen (Plexus Meissner) und myenterischen (Plexus
Auerbach) Ganglienzellen
-
Hypertrophe Nervenbündel mit hoher Konzentration an Acetylcholinesterease
in der Mucosa
-
Die Uebergangszone kann auch betroffen sein
-
Normale Verteilung und Proliferation der Ganglienzellen proximal der Uebergangszone
Therapie
1.Konservative Massnahmen
-
Darmrohr, Einläufe
-
Bei intestinaler Obstruktion Flüssigkeit i.v., Magensonde, Nahrungskarenz
2.Chirurgie
-
Prinbzip: Resketion des aganglionären Segmentes
-
Verschiedene chirurgische Verfahren (Soave, Rehbein, Swenson, Duhamel)
-
Meist is eine vorübergehende Kolostomie initial nötig bis die
Darmfunktion wiederhergestellt ist
-
Eine simple Myotomie (posteriore Sphincterektomie) kann bei ultrakurzem
Segment angewendet werden, wenn das aganglionäre Segment sich auf
den Spincter aniinternus, d.h. < 4cm, beschränkt.
3.Prognose
-
Die Mehrheit der Patienten erreichen eine normale Stuhlkontinenz
-
10% Wiederholungsrisiko bei Geschwistern von betroffenen Patienten, 20%
Wiederholungsrisiko bei Geschwistern von betroffenen Patienten mit totalem
aganglionären Kolon
Normale Lebenserwartung