Der distalste Ureterabschnitt verläuft normalerweise schräg durch die Blasenwand. Dies führt zu einem Klappenmechanismus am vesikoureteralen Uebergang sodass bei gefüllter Blase und speziell während der Miktion ein Reflux von Urin aus der Blase in den Ureter verhindert wird. Ist dieser Klappenmechanismus fehlerhaft oder ist der intravesikale Druck bei der Miktion abnormal hoch, so kommt es zu einem Rückfluss des Urins in die Harnleiter, zu einem vesicoureteralen Reflux. Besteht ein solcher Reflux über längere Zeit, kann dies zu einer Erweiterung des betroffenen Ureters, d.h. zu einem refluxbedingten Megaureter und später zu einer Hydronephrose führen. Bei jeder Miktion wird eine Urinportion von der Blase rückwärts bis in das Nierenbecken hinaufbefördert, die sich nach der Miktion wieder in die Blase entleert. Bereits nach der Miktion liegt wieder eine Resturinmenge vor, was in hohem Masse eine Harnwegsinfektion begünstigt. Solange der Urin nicht infiziert ist, scheint ein geringgradiger Reflux keine Nierenschädigung zur Folge zu haben. Falls aber eine Harnwegsinfektion vorliegt, werden Bakterien mit dem Urin beim Reflux ins Nierenbecken hinaufgeschwemmt, was zu einer Pyelonephritis führt. Falls refluxbedingte Nierenbeckenentzündungen zu sichtbaren Narben am Parenchym der Niere führen, sprechen wir von einer Refluxnephropathie. Wiederholte Pyelonephritisschübe können zu einer pyelonephritischen Schrumpfniere mit Hypertonie und, falls beidseitig, schliesslich zu einer Niereninsuffizienz führen.
Der vesikoureterale Reflux äussert sich praktisch ausschliesslich mit einer Harnwegsinfektion. Ein akuter Harnwegsinfekt kann aber sowohl einen Reflux provozieren als auch kaschieren. Deshalb muss vor der radiologischen Abklärung mittels Miktionscystourethrographie (MCUG) ein 4-6 wöchiges infektfreies Intervall gefordert werden. In dieser Zeit müssen die Kinder selbstverständlich unter einer antibiotischen Therapie stehen. Das MCUG zeigt das Vorhandensein eines vesikoureteralen Reflux und den Grad desselben. Standardgemäss wird der vesikoureterale Reflux in 5 Grade (I-V) eingeteilt. In allen Fällen muss ein infravesikales Abflusshindernis gesucht resp. ausgeschlossen werden.
| KLINISCHES BILD | THERAPIE | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| INITIAL1 | FOLLOWUP2 | ||||||
| Reflux (Grad / Seite) | Alter
(Jahre) |
Richtlinie | Empfohlene Therapie | Vertretbare Alternative | Richtlinie | Empfohlene Therapie | Kein Konsens |
| I-II/unilat. oder bilat. | < 1 | Antibiotische Prophylaxe | Knaben und Mädchen | ||||
| 1 - 5 | Antibiotische Prophylaxe | Knaben und Mädchen | |||||
| 6 - 10 | Antibiotische Prophylaxe | Knaben und Mädchen | |||||
| III-IV/unilat. oder bilat. | < 1 | Antibiotische Prophylaxe | Bilat.: chirurgische Therapie, wenn persistierend | Unilat.: chirurgische Therapie, wenn persistierend | |||
| 1 - 5 | Unilat.: antibiotische Prophylaxe | Bilat.: antibiotische Prophylaxe | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||
| 6 - 10 | Unilat.: antibiotische ProphylaxeÝ
Bilat.: chirurgische Therapie |
Bilat.: antibiotische Prophylaxe | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||
| V/unilat. oder bilat. | < 1 | Antibiotische Prophylaxe | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||
| 1 - 5 | Unilat.: antibiotische ProphylaxeÝ
Bilat.: chirurgische Therapie |
Unilat.: chirurgische TherapieÝ
Bilat.: antibiotische Prophylaxe |
Chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||
| 6 - 10 | Chirurgische Therapie |
Behandlungsempfehlungen für Patienten mit VUR mit Refluxnephropathie
| KLINISCHES BILD | THERAPIE | ||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| INITIAL1 | FOLLOWUP2 | ||||||||
| Reflux (Grad / Seite) | Alter
(Jahre) |
Richtlinie | Empfohlene Therapie | Vertretbare Alternative | Richtlinie | Empfohlene Therapie | Kein Konsens | ||
| I-II/unilat. oder bilat. | < 1 | Antibiotische Prophylaxe | Knaben und Mädchen | ||||||
| 1 - 5 | Antibiotische Prophylaxe | Knaben und Mädchen | |||||||
| 6 - 10 | Antibiotische Prophylaxe | Knaben und Mädchen | |||||||
| III-IV/unilat.Ý | < 1 | Antibiotische Prophylaxe | Mädchen: chirurgische Therapie, wenn persistierend | Knaben: chirurgische Therapie, wenn persistierend | |||||
| 1 - 5 | Antibiotische Prophylaxe | Mädchen: chirurgische Therapie, wenn persistierend | Knaben: chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||||
| 6 - 10 | Antibiotische Prophylaxe | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | |||||||
| III-IV/bilat. | < 1 | Antibiotische Prophylaxe | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||||
| 1 - 5 | Antibiotische Prophylaxe | Chirurgische Therapie | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||||
| 6 - 10 | Chirurgische Therapie | ||||||||
| V/unilat. oder bilat. | < 1 | Antibiotische Prophylaxe | Chirurgische Therapie | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | |||||
| 1 - 5 | Bilat.: chirurgische Therapie | Unilat.: chirurgische Therapie | Chirurgische Therapie, wenn persistierend | ||||||
| 6 - 10 | Chirurgische Therapie |
1) Konzentrationsfähigkeit der Nieren bleibt bei VUR hohen Grades vermindert
2) Signifikante Verbesserung der Proteinurie als Ausdruck einer günstigen Entwicklung der Gesamtnierenfunktion
3) Signifikanter Rückgang der akuten Pyelonephiritiden postoperativ und nur ca 1/5 aller Patienten zeigt postoperativ noch Episoden von afebrilen Bacteriurien
4) In mehr als 15% aller Fälle fand sich eine Hypertonie oder ein erhöhtes Risiko im Sinne eines erhöhten Plasmareninspiegels
5) In einigen Fällen zeigen sich neue Narben trotz erfolgreicher Operation und im Allgemeinen erholt sich postoperativ das Nierenwachstum
6) Die Nierenfunktion verbessert sich generell nach erfolgreicher Operation; bei vorbestehend schwerer Einschränkung der Nierenfunktion hat die Operation nur einen geringen oder keinen Effekt in Bezug auf die Nierenfunktion.
Es herrscht mittlerweile Einigkeit darüber, dass Geschwister von Patienten mit vesico-ureteralem Reflux im Sinne einer Risikogruppe auf einen möglicherweise vorhandenen vesico-ureteralen Reflux untersucht werden sollen. Lediglich wann und wie dieses Screening durchgeführt werden soll, ist Anlass zu Debatte. In der November '96 Ausgabe des Journal of Urology stellt Prof. Norman Noe vom Department of Pediatric Urology der University of Tennessee in Memphis das nachfolgende Screeningprogramm vor:
Bei allen Knaben und Mädchen, die jünger als 3 Jahre sind, wird ein Miktionscystourethrogramm durchgeführt. Im Alter von 3 - 5 Jahren wird bei allen Mädchen sowie bei Knaben, die entweder einen Harnwegsinfekt oder ein pathologisches Miktionsverhalten zeigen, ebenfalls ein Miktionscystourethrogramm durchgeführt. Bei asymptomatischen Knaben in dieser Altersgruppe wird lediglich ein renaler Ultraschall gemacht. Ebenso wird bei allen asymptomatischen Geschwister, die älter als 5 Jahre alt sind, nur eine Nierensonographie vorgenommen.
Im Falle eines normalen renalen Ultraschalls, kann subsumiert werden, dass ein vesico-ureteraler Reflux entweder nie existiert hat oder, falls je vorhanden, nur mild war und spontan verschwunden ist oder, falls er nach wie vor vorhanden ist und das Kind keine Infekte hat, ein vesico-ureteraler Reflux kein signifikant erhöhtes Risiko für einen Parenchymschaden im Sinne einer Refluxnephropathie darstellt. Mit diesem Vorgehen wird man mit sehr hoher statistischer Wahrscheinlichkeit die Risikopatienten mit einem Minimum an invasiven Untersuchungen erfassen.
Literatur:
Elder J.S. et al. Pediatric Vesicoureteral Reflux Guidelines Panel
Summary Report on the Management of Primary Vesicoureteral Reflux in Children,
J. Urol. 157: 1846-1851, 1997
http://www.kinderchirurgie.ch