Varikozele
  • Definition
    Unter einer Varikozele versteht man eine variköse Erweiterung der Venen des Plexus pampiniformis.
    Der Grund für das bevorzugte Auftreten auf der linken Seite liegt im anatomischen Verlauf der Vena testicularis. Diese mündet rechts direkt in dei Vena cava inferior, links aber in die linke Vean renalis. Dadurch ist der Weg des venösen Abflusses links deutlich länger als rechts und der hydrostatische Druck auf den Plexus pampiniformis damit grösser. Ein Fehlen oder eine Insuffizienz der Venenklapen wirkt sich somit links auch leichter aus.
     
  • Diagnose
    Eine Varikozele tritt meist in der Präpubertät oder Pubertät auf und ist bei jüngeren Knaben sehr selten.
    Die Varokozelen werden entsprechend der klinischen Manifestation in drei Grade eingeteilt:
    • Grad 1: palpable Venen, vermehrte Füllung bei Bauchpresse (Valsalva-Manöver)
    • Grad 2: im Stehen sichtbare und fühlbare Venenfüllung neben dem normal grossen Hoden und Nebenhoden (Füllung des erweiterten und abnorm geschlängelten Plexus pampiniformis im Stehen, ohne Provokation)
    • Grad 3: deutlich sichtbare Venen im Scrotum ("Sack voll Würmer")


    Beschwerden bestehen meistens keine, gelegentlich klagen die Patienten über ein unbestimmtes "Ziehen".
    Bei fast 1/5 der 15 jährigen Knaben findet sich eine Varikozele. Eine Grad 2-Varikozele liegt bei etwa 3-5% der Jugendlichen vor.
    Eine Volumendifferenz der Hoden von mehr als 2 ml ist pathologisch. Liegt eine solche Situation vor, sollte eine Bestimmung von FSH, LH und Testosteron vorgenommen und ein LHRH-Stimulationstest durchgeführt werden. Steigt das LH sehr stark an, spricht dies für eine gestörte Funktion der Leydigzellen, steigt das FSH stark an, liegt mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Schädigung der Tubuli seminiferi vor. Eine Varikozele kann also zu einer Störung der Spermiognese führen. Der LHRH-Stimulationstest ist besonders bei Adoleszenten oder Patienten mit Varikozele wertvoll, die kein Ejakulat produzieren.
    Ultrasonographiosch könne die Varikozelen in einen sog. "Shunt-Typ" und in einen "Stop-Typ" unterschieden werden.
     

  • Therapie

  • Da erwiesenermassen nicht jeder Patient mit einer Varikozele subfertil ist, stellt sich die Frage, welche Patienten sollen operiert werden. Einige Studien zeigen, dass sich das Spermogramm deutlich bessert, wenn bei Subfertilität die Varikozele operiert wird. Nebst der Frage, ob eine Operation überhaupt durchgeführt wird, stellt sich auch die Frage nach dem Operationszeitpunkt, insbesondere da mehrere Untersuchungen vermuten lassen, dass der grösste Schaden durch eine Varikozele beim schnell wachsenden Hoden des Jugendlichen auftritt.
    In vielen Kliniken in Europa und USA stellt die Diagnose einer Varikozele nicht automatisch eine Indikation zur Operation dar. Wenn bei einem Jugendlichen mit linksseitiger Varikozele das Hodenwachstum und die Hodengrösse symmetrisch und die LH-, FSH- und Testosteronwerte normal sind, kann zugewartet werden, wobei dann klinische Verlaufskontrollen mit Ultraschall inkl. Doppleruntersuchung in 6-monatigen Abständen sowie erneute Bestimmung der Gonadotropinwerte nach 1 Jahr empfohlen werden.
    Weitgehend Einigkeit besteht darüber, dass alle rechtsseitigen und beidseitige Varikozelen operiert werden sollen. In diesem Fall muss zum Ausschluss eines Nierentumors als Ursache der Varikozele eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt werden.
    Die Indikation zur Operation ist ebenfalls gegeben, wenn ein Hoden deutlich kleiner ist (> 2 ml), schlechter wächst, wenn die Varikozele sehr gross ist oder schnell grösser wird, wenn das LH hoch und das Testosteron erniedrigt ist oder die Ejakulatparameter subnormal bleiben. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Varikozelen vom Shunt-Typ operiert werden sollten, weil in diesem Fall mit einem Hodenminderwachstum zu rechnen ist, während Varikozelen vom Stop-Typ nicht zu operieren sind.
    Der Eingriff, d.h. die Beseitigung der Varikosis, erfolgt entweder als ěhohe Ligaturî (Palomo oder Bernardi), wobei die Vena spermatica interna bei der Einmündung in die Vena renalis auf Höhe des mittleren Ureters ligiert und durchtrennt wird oder als Ligatur im Bereiche des inneren Leistenringes = "tiefe Ligatur" (Ivanissevitch). Diese Technik hat den Vorteil, dass der kollaterale Fluss zu den Lumbalvenen, zum Abflussgebiet der Niere und im inguinoskrotalen Bereich unterbunden und daher das Rezidivrisiko möglicherweise kleiner ist. Im Trend liegt heute die laparoskopische Varikozelenoperation, bei der oberhalb des inneren Leistenrings die erweiterten Hodenvenen mit Clips ligiert und durchtrennt werden. Die Rezidivrate liegt bei allen Methoden bei 5-10% bedingt durch die zahlreichen Kollateralen. Die perkutane Skleorsierung wird bei Knaben selten angewandt.

  • Literatur:
    1. Hadziselimovic F, Herzog B, Leibundgut B et al: Testicular and vascular changes in children and adults with varicocele. J Urol 142:538, 1989
    2. Hienz HA, Voggenthaler J, Weissbach L: Histological findings in testes with varicocele during childhood and their therapeutic consequences. Europ J Pediatr 133:139, 1980
    3. Müller SC: Varicozele: In: Kinderurologie in Klinik und Praxis, Hohenfellner, Thüroff (Hrsg.), Thieme Verlag, Stuttgart, 1986, S. 519-520
    4. Bertschy C, Liard A, Bawab F et al: Idiopathic Varicocele in Children and Adolescents - Which Therapeutic Choice. Eur J. Pediatr. Surg 7: 341-344, 1997
    5. Gall et al: Urologe 25:148, 1986


    http://www.kinderchirurgie.ch