Pathophysiologie des Polytrauma
Polytrauma bedeutet eine gleichzeitige Verletzung mehrerer Körperregionen
oder Organsysteme mit nachfolgenden systemischen Funktionsstörungen.
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| Definition: Das Polytrauma wird definiert als gleichzeitiges Vorliegen
mehrer Solitärverletzungen, welche die hämodynamischen und immunologischen
Kompensationsmöglichkeiten des Organismus überfordern können
und somit eine Lebensbedrohung darstellen, wobei die Einzelverletzungen
an sich überlebbar und chirurgisch beherrschbar sein können. |
Innerhalb der ersten Phase, d.h. den ersten 24 Stunden versterben Polytraumatisierte
vor allem an schwersten Verletzungen, wie schwerste Schädelhirntraumen
oder Verbluten durch eine Läsion grosser Blutgefässe oder wegen
Organzerreissungen.
Wenn ein Patient diese erste Phase überlebt, entwickelt sich ein
Entzündungssyndrom des gesamten Organismus durch Reaktionen wegen
ausgedehnten Gewebsschädigungen, Blutverlust sowie schmerzbedingten
Stressreaktionen. Dieses Entzündungssyndrom führt zu einer körpereigenen
Reparatur des Schadens und kann bei mittlerer Verletzungsschwere zu einem
spontanen Ueberleben des Patienten ohne gravierend dauernde Beeinträchtigung
der wichtigen Organfunktionen führen. Ueber ein bestimmtes Ausmass
der Verletzungen hinaus gefährdet der Entzündungsprozess jedoch
den Patienten durch das Versagen lebenswichtiger Organe. Jede Organverletzung,
ob physikalisch, chemisch oder thermisch, induziert eine lokale Entzündungsreaktion,
welche die Aufgabe hat, den Gewebsschaden lokal zu begrenzen. Falls der
immunologische Abwehrprozess durch Verbrauchen und Ueberforderung der körpereigenen
Schutzmechanismen ausser Kontrolle gerät, führen die Abwehrkaskaden
jedoch zu einer Schädigung der Gefässendothelien und Parenchymzellen,
es kommt zum sogenannten Ganzkörperentzündungssyndrom (Systemic
Inflammatory Response Syndrome, SIRS).
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Ganzkörperentzündungssyndrom (Systemic Inflammatory Response
Syndrome, SIRS)
Dieses Syndrom wird durch einfache klinisch verfügbare Parameter
definiert (Tab 1).
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Tabelle 1: Ganzkörperentzündungssyndrom (Systemic Inflammatory
Response Syndrome, SIRS)
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Temperatur (> 38° oder < 36° C)ÊÊÊ
Herzfrequenz > 90/Min.ÊÊÊ
Atemfrequenz > 20/Min. oder paCO2 < 32 mmHg undÊÊÊÊ
Leukozytenzahl > 12â000/µl oder < 4â000/µl oder > 10%
unreife Formen |
Das systemische Entzündungssyndrom wird je nach Ausprägung in
drei Grade eingeteilt, wobei Grad 3 in den Zustand eines Multiorgandysfunktionssyndromes
(MODS) übergeht und sich zum letalen Multiorganversagen (MOV)
entwickeln kann (Tab. 2).
Tabelle 2: Begriffsdefinitionen:
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| SIRS |
Generalisiertes Entzündungssyndrom ohne Nachweis einer Infektion |
| Sepsis |
Generalisiertes Entzündungssyndrom mit Nachweis einer Infektion |
| Multiorgandysfunktionssyndrom (MODS)Ê |
Paralleles oder sequentielles, reversibles Organversagen |
| Multiorganversagen (MOV) |
Irreversibles Organversagen |
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Haemorrhagisch-traumatischer Schock
Unter Schocksyndrom versteht man ein akutes Missverhältnis zwischen
Sauerstoffangebot und -bedarf mit einer qualitativen und quantiativen Verminderung
der Durchblutung lebenswichtiger Organe. Die sympathoadrenerge Stressantwort
führt über eine Aktivierung von a1-Rezeptoren in den Kapillaren
zu einer Vasokonstriktion. Als negativer Nebeneffekt führt diese jedoch
zu einer Minderperfusion vor allem auch des Gastrointestinaltraktes und
verstärkt überdies eine bereits durch den Volumenmangel induzierte
Minderperfusion des Gewebes. Der Sauerstoffmangel des Gewebes wird durch
eine zusätzliche Hypoxämie, bedingt durch eine minderbelüftete
Lunge nach Aspiration, wegen Schmerz, Hämatopneumothorax oder Lungenkontusion
noch akzentuiert. Als Resultat kommt es zu einer Störung der Atmungsketten
des Zitratzyklus mit Produktion von Lactat, Pyruvat und Ketosäuren
durch anaeroben Glucoseabbau. Durch den verminderten Abtransport dieser
Metaboliten entsteht eine metabolische Azidose, die den zellulären
Ionenhaushalt stört und eine atonische Dilatation präkapillärer
Gefässabschnitte mit weiterer Perfusionsminderung nach sich zieht.
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Das Ischämie-/Reperfusions-Syndrom
Dieses Syndrom beschreibt eine Kaskade zellulärer Veränderungen,
die bedingt ist durch die Reoxygenierung und Reperfusion der initial ischämischen
Mikrozirkulation. Durch das in den Gefässendothelzellen vorkommende
Enzym Xanthinoxidase werden aus den während der Ischämie entstandenen
Adeninnukleotiden gewebsschädigende Sauerstoffradikale gebildet, die
ihrererseits zu einem Gefässendothelschaden führen. Dieser provoziert
in der oft vorliegenden Gewebeverletzung eine Entzündungsreaktion,
die eine Vielzahl von Mediatoren freisetzt.
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Generalisierte Permeabilitätsstörung
Sauerstoffradikale können die Zellmembranen destabilisieren und
über eine Verletzung der Gefässendothelien zu einem Austritt
von intravaskulärer Flüssigkeit in den interstitiellen Raum zu
einem sog. Kapillarleck (capillary leak) führen. Durch das Kapillarleck
gehen nebst Wasser und Elektrolyten wegen der Molekülgrösse vorwiegend
Albumine und praktisch kaum Immunglobuline verloren. Dieser Zellgefährdung
durch Sauerstoffradikale (oxidativer Stress) wirken verschiedene körpereigene
Entgiftungssysteme im Sinne von Antioxydantien entgegen. Nicht-enzymatische
Antioxydantien sind u.a. Vit. C und Vit. E. Zu den enzymatischen Antioxydantien
gehören die Superoxiddismutase und die Glutathion-Peroxidase. Die
von den Leukozyten im Schocksyndrom und bei ausgedehnten Verletzungen im
Uebermass gebildeten schädlichen Substanzen haben aber auch eine wichtige
Funktion bei der körpereigenen Abwehr gegen kontaminierende Bakterien,
Gewebsnekrosen sowie der Langzeitbeatmung. Die therapeutischen Massnahmen
müssen daher darauf ausgerichtet werden, die körpereigenen Abwehrmassnahmen
durch Zuführung von Vitaminen, Verhinderung rezidivierender Volumenmangel
und Hypoxiezustände sowie differenzierter Beatmungstherapie zu erhalten
und deren Ueberstimulation zu begrenzen.
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Deregulierte Mikrozirkulation
Im Schockzustand besteht eine Dysbalance gefässerweiternder und
gefässverengender Faktoren, was partiell minderperfundierte oder von
der Durchblutung vollständig ausgeschlossene Organregionen zur Folge
hat. NO führt als Mediator im Schock zu einer therapierefraktären
Vasodilatation.
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Entzüngungsfördernde Mediatoren
Eine Schädigung der Gefässendothelien führt zu einer
Aktivierung des Komplementsystems, das seinerseits eine weitere Aktivierung
zirkulierender neutrophiler Granulocyten zur Folge hat. Darüber hinaus
wird das plasmatische Proteinasensystem und das extrinsische und intrinsische
Gerinnungssystem stimuliert. Auf diese Weise kommt es zu einer Dysbalance
zwischen Koagulation und Fibrinolyse.
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Posttraumatische Immunmodulation
Zytokine verhindern die Autoimmunisierung von Gebewsnekrosen durch
eine lokale Immunsuppression. Die Wachstumsfaktoren leiten die Regeneration
des verletzten Gewebes und die Wundheilung ein. Der Tumor-Nekrose-Faktor-a
(TNF-a) induziert die Kaskade eines endotoxinähnlichen
Schocksyndroms und Interleukin-6 (IL-6) die hepatische Akutphasen-Proteinsynthese
(Albumine, C-reaktives Protein, Haptoglobulin etc.) als zellulärer
Schutzmechanismus unter Stressbedingungen. Interleukin-8 (IL-8) aktiviert
die neutrophilen Granulozyten und dirigiert deren Wanderung an den Ort
des Gewebsschadens resp. der Entzündung. Eine Blockade einzelner Mediatoren
ist also nicht unbedingt vorteilhaft für den Patienten. Auf eine primäre
Aktivierungsphase von 2-3 Tagen mit Leukozytenstimulation und Zytokinämie
folgte eine sekundäre Phase der Immunsuppression mit supprimierter
leukozytärer Bakterizidie und Makrophagenfunktion, niedrigen Immunglobulinspiegeln,
eingeschränkter Lymphozytenfunktion sowie veränderter Zytokinfreisetzung.
In dieser Phase kommt es daher häufig zu septischen Komplikationen.
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Multiorganversagen