Handverletzungen und -verletzungsfolgen

Nachsorge

Die Schwierigkeit bei Handverletzungen liegt darin, dass die komplexe Funktion der Hand wieder erlernt werden muss. Die Rehabilitation muss kindergerecht erfolgen im Beisein einer auf Kinderhände spezialisierten Ergotherapeutin. Die Ergoherapeutinnen fertigen Schienen an und sind für die Krankengymnastik zuständig. Idealerweise erfahren die Kinder die Therapie als Spiel, sodass sie oft gerne zur Ergo gehen.

Hautverletzungen

Einfache Hautverletzunge heilen bei Kindern rasch. Wo immer möglich verwenden wir selbst auflösbare (=resorbierbare) Fäden, so dass bei Kindern die Fadenentfernung entfällt. Probleme können überschiessende Narben (=hypertorphe Narben oder Keloide) darstellen. Diese Problemnarben können durch Aufbringen von Silikon, zum Teil in Kombination mit Schienen oder Spezialhandschuhen, verbessert werden. Verbrennungen und Verbühungen (siehe dort).

Knochenbrüche (= Frakturen)

Die häufig unkomplizierten Frakturen heilen bei Kindern meist durch einfache Ruhigstellung in einer Schiene während 3-4 Wochen aus. Besondere Probleme stellen stark verschobene Knochenbrüche oder Brüche welche durch die Gelenke verlaufen dar. Diese müssen oft operiert werden bevor man sie eingipsen darf.
Brüche des Schiffchenbeins (= Os scaphoideum oder navikulare) heilen ungewöhnlich langsam und müssen rund 8 Wochen eingegipst werden. Falls diese Ruhigstellung nicht konsequent durchgeführt wird kann der Bruch nicht durchbauen (= Scaphoid-Pseudarthrose) was eine gelegentlich monatelange Ruhigstellung, mit oder ohne Operation, nach sich zieht und lebenslange Handgelenksprobleme verursachen kann.

Sehnenverletzungen

Die Hand wird durch über 30 Muskeln versorgt, welche über Sehnen mit den Knochen verbunden sind. Diese Sehnen übertragen die Kraft wie die Fäden bei einer Marionette. Sie sind auf Zug sehr belastungsstabil. Diese Stabilität wird durch sehr viele, parallel zueinander verlaufende Stränge erzielt, sodass die Sehnen ähnlich aussehen wie gekochte Spargeln.
Bei Verletzungen können diese parallelfaserigen Sehnen trotz Spezialnähten nicht stabil genäht werden. Nach Sehnenverletzungen besteht die Kunst darin, die Sehnen stabil ausheilen zu lassen, ohne dass sie mit der Umgebung verwachsen. Dazu sind spezielle Schienen notwendig, in denen die Patienten mit Hilfe der ErgotherapeutInnen und später der Eltern täglich mehrere Male Uebungen ausführen müssen. Da diese Uebungen vor allem mit kleinen Kindern schwierig auszuführen sind empfehlen wir dringend, diese Therapie in einem an die Erstoperation anschliessenden Spitalaufenthalt von rund 2 Tagen zu erlernen. Eine durchtrennte Sehne braucht gut 2 Monate, bis sie wieder voll belastbar ist.

Nervenverletzungen

Bei scharfen Verletzungen werden oft Nerven durchtrennt, sodass ihre Funktion (Befehlübertragung zu den Muskeln, Spürsinn, Befehlübertragung zu den Schweissdrüsen) ausfällt. Die Nerven kann man mit sehr zarten Fäden, welche dünner sind als ein menschliches Haar, unter dem Operationsmikroskop nähen. Ein Nerv ist ähnlich wie ein Kabelstrang einer Telefonzentrale aufgebaut: Viele kleine „Drähte“ (= Axone) werden in einem Strang (= Faszikel) zusammengefasst und mit einer gemeinsamen „Isolation“ (= Perineurium) umhüllt. Viele dieser kleinen Stränge (=Faszikel) werden wieder in einem grossen Strang (= peripherer Nerv) zusammengefasst. ChirurgInnen können unter dem Mikroskop nur die „Isolation“ oder Umhüllung (=Perineurium) nähen. Die eigentlichen „Drähte“ (= Axone) muss die Nervenzelle wieder ausspriessen lassen. Daher hat ein Patient nach Nervenverletzung noch für Monate keine Funktion der genähten Nerven. Dieses Aussprossen der „Drähte“ (= Axone) erfolgt mit einer Geschwindigkeit gut 1 cm pro Monat. Da die Nervenzellen der Arme beim Rückenmark liegen dauert das Wiederaussprossen eines weit obengeschädigten Nerven viel länger (rund 1 Jahr) als bei einer fingerspitzennahen Verletzung (Monate).
Auch bei korrekter mikrochirurgischer Reparatur eines Nerven erholt sich dieser oft nicht vollständig. Glücklicherweise haben speziell kleine Kinder eine sehr gute Heilungstendenz sodass auch bei Nervenverletzungen der Arme oft keine Beeinträchtigung der Funktion zurückbleibt. Bei Verletzungen von Nerven der unteren Extremität muss auch bei Kindern mit einer bleibenden Beeinträchtigung gerechnet werden.

Armplexus Verletzung bei der Geburt (geburtstraumatische Armplexusläsion)

Bei der Entwicklung eines Kindes aus dem Geburtskanal können die Nerven für die Arme bei ihrem Austritt aus der Halswirbelsäule überstreckt oder gar ausgerissen werden. Bei Verdacht auf eine Armplexusverletzung sollte eine nervenärztliche (kinder-neurologische) Abklärung und allenfalls Bildgebung während der ersten Lebenswochen erfolgen, sodass die Therapie fristgerecht erfolgen kann. Bei einer Zerreissung der Nerven kann eine frühzeitge Operation eine teilweise Erholung der Nervenfunktion gewährleisten.

Gefässverletzungen

Durchtrennte Arterien und Venen können genäht werden. An einem Kinderfinger sind sie dünner als 1 Millimeter, sodass die Operation unter dem Mikroskop erfolgen muss. Genähte Gefässe haben keine perfekte Innenwand mehr, sodass sich dort Gerinnsel bilden können welche die Gefässe verstopfen. Deshalb brauchen Patienten mit Gefässnähten manchmal eine Blutverdünnung und müssen nach der Operation einige Tage im Spital bleiben.

Komplexe Verletzungen & Amputationen

Meist werden bei einem Unfall gleichzeitig viele der obgenannten Strukturen verletzt (Haut, Knochen, Sehnen, Nerven, Gefässe). Dadurch wird die chirurgische Versorgung und insbesondere die nachfolgende Rehabilitation sehr komplex.

Amputationen

Die vollständige Abtrennung einer Gliedmasse wird Amputation genannt. In günstigen Fällen ist ein Wiederannähen der amputierten Gliedmassen mit Reparatur aller Strukturen, insbesondere der Gefässe, (= Replantation) möglich. Oft ist jedoch die Zerstörung abgetrennter Gliedmassen so gross, dass ein Erhalt durch Wiederannähen unmöglich oder nicht sinnvoll ist. Vor allem bei abgerissenen oder gequetschten Gliedmassen sind die Gefässe derart geschädigt, dass genähte Arterien und Venen sofort wieder verstopfen.