(Osteomyelitis und septische Arthritis)
Die Osteomyelitis und septische Arthritis sind gefährliche Krankheiten, weil sie eine permanente Läsion oder gar Invalidität hinterlassen können, wenn sie nicht rechtzeitig oder ungenügend behandelt sind. Das klassische klinische Bild einer Osteomyelitis oder septischen Arthritis ist durch die Trias eines entzündlichen Lokalbefundes, Fieber und Verschlechterung des Allgemeinzustandes charakterisiert. Diagnostische Schwierigkeiten bereiten aber vor allem diejenigen Formen mit atypischem klinischem Bild oder aussergewöhnlicher Lokalisation, wie die akute Osteomyelitis ohne septische Zeichen, die Osteomyelitis der Wirbelsäule und des Os ilium, die septische Arthritis des Iliosacralgelenkes, die relativ häufige und prognostisch benigne subaktue Osteomyelitis und die chronische Osteomyelitis. Die Diagnose Osteomyelitis/septische Arthritis erfordert weder eine positive Bakteriologie noch einen positiven radiologischen Befund. Im Röntgenbild der akuten Formen finden sich initial typischerweise nur Weichteilschwellungen. Neuerdings kann mittels MRI bereits in der Frühphase das Marködem nachgewiesen werden. In einigen Fällen kann die Ultraschalluntersuchung eine subperiostale Abszessbildung nachweisen. Im Röntgenbild der akuten Formen finden sich initial typischerweise nur Weichteilschwellungen. Die Blutkulturen sind nur in etwa der Hälfte aller Fälle positiv. Die Punktion zur Diagnostik und Festlegung der Therapie ist absolut notwendig, obwohl sie ebenfalls nicht in allen Fällen eine positive Bakteriologie ergibt. Das Ziel der Behandlung ist eine Destruktion von Knochen und Weichteilen oder gar eine Invalidisierung zu verhindern. Die beiden Eckpfeiler bei der Behandlung sind eine frühzeitige resistenzgerechte intravenöse Antibiotikatherapie sowie die Ruhigstellung der betroffenen Extremität. Diese konservative Therapie genügt, wenn die akute Osteomyelitis im Stadium der Cellulitis erkannt wird. Eine chirurgische Therapie ist bei verschleppten oder ungenügend behandelten Fällen und bei chronischen Formen der Osteomyelitis notwendig. Fieber > 38,5º, ein CRP > 20 mg/l, eine BSG > 20 mm/h und ein Ultraschall mit eindeutigem Gelenkserguss sind dringend verdächtig auf eine septische Arthritis. Bei unklaren Skelettschmerzen, Schwellungen, Schonhaltungen und unspezifischen Entzündungszeichen müssen die Osteomyelitis und/oder septische Arthritis immer in die Differentialdiagnose miteinbezogen werden.
Grundlagen
Für die verschiedenen Ausprägungen der septischen Knochen- und Gelenksinfekte resp. deren Kombination sind einerseits die Charakteristika der metaphysären Corticalis des kindlichen Knochens, das spezielle Verhalten von Staphylococcus aureus sowie Besonderheiten von Gelenken mit intrakapsulärer Metaphyse verantwortlich. Die metaphysäre Corticalis ist bei den Kindern wesentlich dünner und poröser als im Erwachsenenalter. Der Staphylococcus aureus scheint sich vorzugsweise am Epiphysenknorpel festzuhaften, der während des normalen Wachstums einer Bakteriämie ausgesetzt ist. Staphylokokken sind zudem imstande, sich nach der Phagozytose einer intrazellulären Abtötung zu widersetzen. Das Fehlen von reticuloendothelialen Zellen in der Metaphyse und eine verminderte Zirkulation am Uebergang der Arteriolen in die venösen Sinus werden als Ursache für die Prädilektion der hämatogenen Knocheninfekte im Bereiche der Metaphyse angegeben. Durch die poröse, dünne, metaphysäre Corticalis können Exsudate und Eiter leicht vom Markraum nach aussen brechen und die Flüssigkeit kann das nur leicht an der Corticalis adhärente Periost vom Knochen abheben. Da das Periost aber ausserordentlich dick ist, kommt es so zu einer subperiostalen Flüssigkeitsansammlung resp. Abszess. Ein Durchbruch durch das Periost in die umgebenden Weichteile kommt erst nach längerdauerndem, septischem Prozess zustande. Im Bereiche des Hüftgelenkes, des Schultergelenkes, am Ellenbogengelenk sowie am Sprunggelenk inseriert die Gelenkskapsel metaphysär, sodass ein Abszess, der die Metaphyse durchbricht, in diesen Gelenken zu einem Pyarthros, d.h. zu einer kombinierten septischen Arthritis führen kann.
1.1. Akute hämatogene Osteomyelitis
Tibia 25 %
Humerus 12 %
Fibula / Radius / Phalangen / Calcaneus je ca. 5
%
Klinische Zeichen:
Fieber und Malaise, Schmerzen und functio laesa. Es findet sich eine lokale Schwellung und Verhärtung oft mit Rötung und Ueberwärmung. Gleichzeitig kann eine Schwellung im benachbarten Gelenk nachweisbar sein.
Die Ausbreitung des infektiösen Prozesses kann in verschiedene Richtungen erfolgen:
a) in den Subperiostalraum
b) in den diaphysären Markraum
Neugeborene:Staphylococcus aureus, Streptococcus Gruppe B, Escherichia colie, Salmonella,Hämophilus influenca und Candida (Frühgeburten)
Bei Patienten mit einer Neutropenie finden sich u.a. Serratien, Corynebakterien und Aspergillus.
Besondere Situationen der akuten hämatogenen Osteomyelitis sind die Neugeborenenosteomyelitis, die Wirbelosteomyelitis und die Osteomyelitis im Bereiche des Os ileum, da sie schwierig zu diagnostizieren sind und es deshalb oft zu einer Verzögerung der Diagnose kommt.
Bei der Neugeborenenosteomyelitis finden sich oft keine Infektzeichen im Blut. Die Skelettszintigraphie kann bei unklarer Lokalisation wichtige Informationen liefern, ebenso bei multilokulärem Befall. Im Neugeborenenalter sind klinisch vorwiegend die Schonhaltung und ein allfälliger Lokalbefund wegleitend.
Die Osteomyelitis eines Wirbelkörpers oder des Os ileum ist klinisch ausserordentlich schwierig zu diagnostizieren. Bei einem Befall eines Wirbelkörpers sträubt sich der Patient gegen die Flexion der Wirbelsäule, während bei einem Befall des Os ileum eine Haltung mit Flexion der Wirbelsäule und des Hüftgelenkes bevorzugt wird. Klinisch bestehen Rückenschmerzen im Vordergrund. Als Erreger kommen Staphylococcus aureus, Bartonella henselae sowie das Mycobakterium tuberculosis vor. Die Differentialdiagnose zwischen Wirbelosteomyelitis und Diszitis ist in Tabelle 4 dargestellt.
Tabelle 4 ó Differentialdiagnose zwischen Wirbelosteomyelitis und Diszitis
| Wirbelosteomyelitis | Diszitis |
| Alle Altersklassen | in der Regel < 5 Jahre |
| Ganze Wirbelsäule | vorwiegend lumbal |
| Schmerzhaft | Hinken oder Gehunfähigkeit |
| Hohes Fieber | mässige Temperaturerhöhung |
| Röntgen: Knochendestruktion | verminderter intervertebraler Abstand |
| MRI: Knochenmarksödem | Veränderung des involvierten Segmentes |
Tabelle 5 Diagnostik, Therapie sowie Follow-up
bei akuter Osteomyelitis
| Diagnostik | Therapie |
| Labor:
WBB CRP Bildgebung: Röntgen Ultraschall (Periostabhebung? > Punktion) MRI, falls Anamnese > 24-48 Stunden, sonst erst nach Therapiebeginn Szintigraphie nur bei Verdacht auf multifokalen Prozess oder unklarer Lokalisation, nicht notfallmässig nachts Mikrobiologie: Blut: Kultur aerob, anaerob Punktat: Grampräparat, Kultur aerob und anaerob Asservate: Serum (2-5 ml) Punktat |
Antibiotikatherapie
Empirisch Alter ? 4 Wochen: Infektiologie-Konsilium Alter > 4 Wochen - < 2 Jahre: Keine Haemophilus-Impfung oder unbekannt: Coamoxiclav 100-150 mg/k/die i.v. in 3x Haemophilus-Impfung gehabt: wie Alter > 2 Jahre Alter > 2 Jahre: Flucloxacillin 150 mg/kg/die i.v. in 3x Gezielt Gemäss Erregernachweis und Antibiogramm Therapiedauer: Falls CRP in der ersten Woche <
20 mg/l fällt >
Floxapen i.v. für 14 Tage
Clindamycin p.o. 14 Tage Falls CRP in der ersten Woche > 20 mg/l bleibt > Konsilium Infektiologie/Chirurgie zur Festlegung der i.v. Therapie-Dauer |
| Überwachung/Bemerkungen | |
| Ruhigstellung
Betroffene Extremität
ruhigstellen und Bettruhe
Röntgenkontrollen: Immer am Tag 10 Falls am Tag 10 keine Osteolyse, sind keine weiteren Bilder indiziert Falls am Tag 10 Osteolyse vorhanden, müssen Röntgenkontrollen (in der Regel alle 10-14 Tage) bis zur Abheilung durchgeführt werden. In unklaren Fällen > Konsilium Chirurgie/Infektiologie |
|
Tabelle 6 zeigt die Komplikationen einer akuten hämatogenen Osteomyelitis.
Tabelle 6 - Komplikationen der akuten hämatogenen
Osteomyelitis / septischen Arthritis
1.2. Subakute hämatogene Osteomyelitis
Bei dieser Form der Osteomyelitis besteht meistens eine Anamnese von mehr als 2 Wochen. Es finden sich wenig systemische Reaktionen, hingegen ist in den meisten Fällen im Nativröntgenbild eine Osteolyse zu sehen. Betroffen sind vor allem Epiphyse, Metaphyse und Diaphyse der Tibia sowie der Talus .
Tabelle 7 ó Differentialdiagnose der subakuten Osteomyelitis
Osteoidosteom
Osteosarkom
Ewing Sarkom
Chondroblastom
Tuberkulose
Pilzinfekt
Tab 7a - Management bei subakuter Osteomyelitis
| Radiologie und Klinik | chirurgische Massnahmen | antibiotische Therapie und Immobilisation |
| 1.
radiolog. "aggressive" Läsion
(nicht sicher von Tumor zu unterscheiden) |
Biopsie (bact. + histolog. Untersuchung) | 6 Wochen |
| 2.
typ. Höhle in Metaphyse und /
oder Epiphyse und klin. Zeichen einer subperiostalen Eiteransammlung + Pyarthros |
Inzision, Curettage
des metaphysären Hohl raumes und Drainage
Arthrotomie, Biopsie der Synovia (bact. + histolog. Untersuchung |
6 Wochen |
| 3. Persistenz der Infektzeichen unter kons. Therapie | Curettage der Hohlräume | 6 Wochen |
2. Die sekundäre Osteoymelitis
Sie tritt vor allem im Bereich der Kalotte und des Calcaneus bei Neugeborenen und kleinen Patienten auf (Blutentnahmen duch Lanzettenstiche). Eine besondere Form findet sich im Bereiche des Calcaneus bei älteren Kindern.. Dort kann es zu einer Implantation von Pseudomonas aeruginosa, ausgehend von Turnschuhen kommen. Bei offenen Frakturen finden sich im Spektrum vorwiegend Pseudomonas aeruginosa, Staph. aureus, Staph. epidermidis und Clostridien. Bei Bisswunden ist die Osteomyelitis vorwiegend durch Pasteurella multocida und Staph. aureus bedingt.
Tabelle 8 ó Häufigkeit der befallenen Gelenken bei septischer Arthritis
Knie 40 %
Hüfte 23 %
Ellenbogen 14 %
Sprunggelenk 13 %
Typisch bei der septischen Arthritis ist ein rascher Verlauf. Bei Säuglingen kommt es zu einer Pseudoparalyse und sehr früh zu einer Septicaemie. Die klassischen klinischen Zeichen sind eine Verweigerung der Gewichtsbelastung der unteren Extremität, Fieber, Schmerzen sowie ein Hartspan.
Differentialdiagnostisch muss an die Borrelien-Arthritis (Lyme-Arthritis) die transitorische Synovitis (Hüftschnupfen, Coxitis fugax), die juvenile rheumatoide Arthritis und die akute Osteomyelitis gedacht werden. Tabelle 9 listet die häufigsten Erreger der septischen Arthritis auf.
Tabelle 9 ó Erreger bei septischer Arthritis
Salmonella, Hämophilus influencae.
< 5 jährig: Staph. aureus, Streptococcus Gruppe A, Streptococcus pneumoniae, Hämophilus influencae, Neisseria meningitidis, Neisseria gonorrhoeae.
> 5 jährig: Staph. aureus, Streptococcus Gruppe A, Neisseria meningitidis, Neisseria gonorrhoeae.
Abklärungen:
Die Gelenksaspiration zeigt mehr als 50x109 Zellen/l, CRP und Senkung sind erhöht. Es empfiehlt sich, Serum für eventuell spätere Untersuchungen (Borrelientiter etc.) zu asservieren. Das Röntgenübersichtsbild des Gelenkes zeigt allenfalls eine Verbreiterung des Gelenkspaltes, im Ultraschall kann der Gelenkserguss nachgewiesen resp. bestätigt werden. Es soll eine Blutkultur entnommen werden und aus dem Gelenkspunktat ebenfalls eine bakteriologische Kultur sowie ein Grampräparat. Falls das Gelenkspunktat eitrig ist, soll eine Arthrotomie oder Arthroskopie mit ausgiebigem Spülen des Gelenkes vorgenommen werden, danach Beginn mit einer antibiotischen Therapie. Eine Re-Evaluation nach 48 stündiger Behandlung ist in jedem Fall notwendig. Bei erneutem Gelenkserguss oder Persistenz der Klinik ist eine Arthrotomie oder Arthroskopie notwendig.
Oft ist zu Beginn der Erkrankung die Differentialdiagnose zwischen Coxitis fugax (Hüftschnupfen, reaktive Arthritis) und septischer Arthritis schwierig.
Kriterien für eine Coxitis fugax sind:
Tabelle 10 umfasst die Diagnostik, Therapie und Follow-up bei septischer Arthritis.
Tabelle 10 Diagnostik, Therapie und Follow-up
bei septischer Arthritis
| Diagnostik | Therapie |
| Labor
:
WBB, Thrombozyten CRP Bildgebung: Ultraschall Röntgen MRI (bei Säuglingscoxitis!) Mikrobiologie: Blut: Kultur aerob, anaerob Punktat: Grampräparat, Kultur aerob und anaerob Zytologie: Zellzahl im Punktat (bitte Hyelase-Röhrchen verwenden) Asservate: Serum Gelenkpunktat |
Antibiotikatherapie
Empirisch Alter < 2 Jahre : Keine Haemophilus-Impfung oder unbekannt: Coamoxiclav 75-100 mg/kg/die i.v. in 3x Haemophilus-Impfung gehabt: wie Alter > 2 Jahre Alter > 2 Jahre : Flucloxacillin 75-100 mg/kg/die i.v. in 3x Gezielt Gemäss Erregernachweis und Antibiogramm Therapiedauer: Staphylococcus aureus 21 Tage Haemophilus influenzae, Streptokokken Gruppe A und Pneumokokken 14 Tage Andere Erreger oder negative Gram-/Kultur-Resultate nach 48 Stunden ® Infektiologie- und Rheumatologie-Konsilium Falls Punktat makroskopisch eitrig
®
Arthrotomie oder
|
| Überwachung/Bemerkungen |
| Klinisch täglich
CRP 2 x/Woche oder bei erneutem Fieber Beachte: Bei ungenügendem klinischen Ansprechen (Fieber, Schonung, Schmerzen, etc.) oder nur langsamem Abfall des CRP ®erneut Ultraschall mit der Frage nach nochmaliger Bildung von Erguss (Cave: Osteoarthritis) Bei Coxarthritis muss nach 48h immer eine Ultraschalluntersuchung wiederholt werden! Infektiologie-Konsilium für gezielte weitere Diagnostik und allfällige Therapie |
Eine positive Blutkultur oder Kultur aus dem Punktat sowie eine Zellzahl von mehr als 50x109 Zellen/l beweisen die Diagnose einer septischen Arthritis.
Literatur
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http://www.kinderchirurgie.ch