Das Kurzdarmsyndrom ist definiert als Zustand von Malabsorption und Malnutrition nach ausgedehnter Darmresektion.
Normale Darmlänge
Die normale Länge des Darmes wird in der 20. Schwangerschaftswoche
mit 125 cm, in der 30. Schwangerschaftswoche mit 200 cm, bei Geburt mit
275, im Alter von 1 Jahr mit 380 cm, im Alter von 5 Jahren mit 450 cm und
im Alter von 10 Jahren mit 500 cm angegeben. Die Länge des fetalen
Dünndarmes verdoppelt sich von der 27. bis zur 40. Schwangerschaftswoche.
Ursachen
Ursachen eines Kurzdarmsyndromes können intrauterine vaskuläre Katastrophen oder postoperativ erworbene Affektionen sein. Die häufigsten pränatalen Ursachen sind
Pathophysiologie
Klinisch verläuft das Kurzdarmsyndrom in drei Stadien:
Stadium I während der ersten Monate ist vorallem durch eine profuse
Diarrhoe charakterisiert, bedingt durch eine Hypersekretion mit grossen
intestinalen Flüssigkeitsverlusten. In dieser Zeit können die
Patienten nur mit vollständiger parenteraler Ernährung in einem
kompensierten metabolischen Zustand gehalten werden.
In Stadium II, das wenige Monate bis weit über ein Jahr dauern
kann und einer progredienten intestinalen Rehabilitation entspricht, ist
eine graduelle enterale Ernährung möglich.
In Stadium III ist die maximale Adaptation erreicht und eine normale
enterale Ernährung möglich. Einige Patienten erreichen allerdings
dieses Stadium trotz aller Massnahmen zur Beeinflussung der Adaptation
oder chirurgischen Eingriffen zur Verbesserung der Resorptionsleistung
des Darmes aufgrund interimistisch aufgetretener schwerer Komplikationen
nie.
Klinisches Bild
Das klinische Bild, resp. der Schweregrad des Kurzdarmsyndroms wird durch mehrere Faktoren bestimmt:
Tab. 1 Klinik des Kurzdarmsyndroms
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Der Darm verfügt über verschiedene Kompensationsmechanismen. Die wichtigsten sind 1. die intestinale Funktionsreserve und 2. die Adaptation.
1. Intestinale Funktionsreserve
Die intestinale Funktionsreserve ist im Ileum deutlich grösser
ist als im Jejunum. Dafür gibt es drei Gründe: 1. die Passagezeit
ist im Ileum länger, 2. das Ileum hat zusätzlich eine spezifische
Resorptionsleistung für Vitamin B12 und Gallensäuren und 3. das
Ileum hat ein grösseres Potential der intestinalen Adaptation. Distale
Resektionen werden deshalb allgemein schlechter ertragen als proximale.
2. Adaptation
Die Adaptation wird definiert als Prozess, durch den der Darm sein
funktionelles und morphologisches Gleichgewicht im Rahmen von Veränderungen
seines Umfeldes aufrecht hält. Man unterscheidet zwei verschiedene
Typen der Adaptation: Typ I: eine physiologische Reaktion mit einer Hypoplasie
der Mucosa bei parenteraler Ernährung und Hyperplasie nach Resektion
oder unter Lactation. Typ II: eine pathologische Veränderung, die
eher als Reparationsprozess oder sein Fehlen auf ein intestinales Trauma
angesehen werden muss.
Pathophysiologisch liegen der Adaptation zwei Mechanismen zugrunde:
I) Morphologische Veränderungen
Die morphologischen Veränderungen werden auch als "adaptive Hyperplasie"
bezeichnet. Morphologische Veränderungen finden sich sowohl im makroskopischen
wie auch im mikroskopischen Bereich.
a) Makroskopisch
Makroskopisch findet sich eine Zunahme des Durchmessers sowie Verlängerung
des Restdarmes. Die pathophysiologische Bedeutung des dilatierten Darmabschnittes
erklärt sich durch eine ineffektive Peristaltik. Aufgrund der fehlenden
vollständigen Okklusion des Lumen im dilatierten Abschnitt, kommt
es zu einer Hin-und-Her-Bewegung des Chymus und damit zu einer Stase mit
bakterieller Besiedelung, die ihrerseits zu einem Syndrom der blinden Schlinge
mit praktisch aufgehobener Resorption, gesteigerter Sekretion und weiterer
toxischer Dilatation und Adynamie führt.
b) Mikroskopisch
Die "kompensatorische Hypertrophie" ist in der Tat eine Vermehrung
der Zahl der Enterocyten, also eine klassische Hyperplasie, die konsequenterweise
eine Vermehrung der funktionellen Kapazität pro Längeneinheit
des Darmes zur Folge hat. Sie umfasst nebst der Mucosa auch alle anderen
Darmwandschichten. Neurovaskuläre Faktoren sind möglicherweise
Mediatoren der intestinalen Reaktion auf eine ausgedehnte Darmresektion.
II) Funktionelle Veränderungen
Am wahrscheinlichsten ist eine Zunahme der Anzahl transportierender
gegenüber nicht transportierender Enterozyten entlang einem Villus,
was zu einer Transportsteigerung führt. Die funktionelle Adaptation
ist vielmehr Ausdruck einer Zunahme der spezifischen Aktivität der
mucosaeigenen Transportsysteme als einer Hyperplasie der Enterozyten sowie
der erwähnten Mechanismen zur Vergrösserung der Oberfläche.
Therapie
Das therapeutische Ziel in der Behandlung des Kurzdarmsyndroms ist die
vollständige enterale Rehabilitation. Diese Adaptation dauert aber
je nach Länge des Restsegmentes, Vorhandensein oder Fehlen der Ileocoecalklappe,
Zustand des Restdarmes und Erfolg der chirurgischen Eingriffe Monate bis
Jahre. Die intestinale Adaptation für ein Kind mit nur 25 cm Dünndarm
zum Beispiel beträgt mindestens 2 Jahre.
Alle Patienten mit einem Kurzdarmsyndrom brauchen initial eine parenterale
Ernährung zur Ueberbrückung des ersten Stadiums mit massiver
Hypersekretion. Die vollständige parenterale Ernährung hat aber
zahlreiche Komplikationen. Die für diese Ernährung notwendigen
zentralvenösen Katheteren prädisponieren leicht für eine
Sepsis. Die Sepsisrate unter parenteraler Ernährung bei Patienten
mit einem Kurzdarmsyndrom ist deutlich höher als bei Patienten mit
anderen Diagnosen. Die unter parenteraler Ernährung erhöhte Sepsisrate
scheint bei Patienten mit einem Kurzdarmsyndrom vorallem durch eine bakterielle
Translokation bedingt zu sein. Nebst den häufigeren bakteriellen Septitiden
fürchtet man insbesondere die Pilzsepsis, die nach aggressiver antibiotischer
Therapie auftreten kann, oft zu einem Multiorganversagen führt und
nur mit einer invasiven Therapie behandelt werden kann. Eine weit gewichtigere
Komplikation ist die durch eine langdauernde, d.h. mehrmonatige totale
parenterale Ernährung induzierte Cholostase, mit nachfolgender Leberzirrhose
und schliesslich terminaler Leberinsuffizienz. Sie ist schwer zu beeinflussen
und verläuft meistens letal. Die Ursachen der von einer parenteralen
Ernährung induzierten Cholostase sind mutifaktoriell. Weitere Komplikationen
von Zentralvenenkatheteren sind Thrombosen. Aus all diesen Gründen
ist es geradezu zwingend Massnahmen zu treffen, um die Zeit der initial
absolut notwendigen parenteralen Ernährung auf ein minimales Mass,
d.h. auf den kürzest möglichen Zeitraum zu beschränken.
Es gibt mehrere therapeutische Massnahmen zur Beeinflussung der intestinalen Adaptation. Seit längerer Zeit gilt als erwiesen , dass die luminale Nahrung per se die Adaptation positiv beeinflusst. Ein möglichst frühzeitiger Beginn der enteralen Ernährung ist deshalb unbedingt erforderlich. Weiter wird die intestinale Adaptation durch die pancreatobiliäre Sekretion und intestinale Hormone beeinflusst. Zum anderen ist eine Beeinflussung der intestinalen Adaptation medikamentös und durch chirurgische Massnahmen möglich. Als wirksames Medikament hat sich Imodium (Loperamide) erwiesen. Andere wie epidermal growth factor (EGF) und Prostaglandine sind noch experimentell. Eine Vielzahl von chirurgischen Interventionen zur positiven Beeinflussung der Adaptation wurden beschrieben.Die chirurgischen Strategien haben 1. eine Verlängerung der Passagezeit und 2. eine Vergrösserung der Resorptionsfläche zum Ziel. In der Klinik haben sich die Konstruktion von Klappen, antiperistaltische Segmente und die Interposition von Colon zur Verlängerung der Passagezeit, sowie ein Tapering und eine Darmverlängerungsoperation nach der Technik von Bianchi oder Kimura und die Züchtung von Neomucosa zur Vergrösserung der resorptiven Oberfläche durchgesetzt. Die logische Therapie des Kurzdarmsyndroms, die Dünndarmtransplantation muss zum jetzigen Zeitpunkt immer noch als eine experimentelle Therapie angesehen werden. Bei den meisten Patienten findet innerhalb des ersten Jahres nach der Darmresektion eine genügende Adaptation statt, um die parenterale Ernährung zu verlassen, sodass operative Eingriffe oft unnötig werden.
Prognose
Die Prognose von Patienten mit einem Kurzdarmsyndrom ist natürlich
abhängig von der Länge des Restdarmes, vom Zustand desselben,
d.h. schliesslich von der Dauer bis zur vollständigen intestinalen
Adaptation, aber auch vom Schweregrad der Cholostase. Viele Kinder mit
einem Kurzdarmsyndrom sterben noch wegen eines Leberversagens, das durch
die parenterale Ernährung induziert wurde. Bei Bilirubinwerten über
30mg/dl scheint keine Reversibilität mehr möglich. Aus diesem
Grunde gehen auch die Anstrengungen dahin neben der Beschleunigung der
intestinalen Adaptation die praktisch obligat auftretende Cholostase zu
beeinflussen. Als günstig hat sich De-Ursil (Ursodesoxycholsäure)
erwiesen.
Tab 2 zeigt die kritische Darmlängen bezüglich späterer
intestinaler Rehabilitation bei Kinder unter 35 SSW und über 35 SSW.
Tab 2 Kritische Darmlängen
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