Bauchwanddefekte


    Zu den Bauchwanddefekten gehören die Nabelhernie, Omphalocele, Gastroschisis sowie der Blasenextrophie-/Kloakenextrophie-Komplex. Im engeren Sinne werden darunter allerdings die Omphalocele und die Gastroschisis verstanden. Heutzutage wird die Omphalocele in ca. 80% und die Gastroschisis in über 90% der Fälle pränatal diagnostiziert, wobei es nach wie vor unklar ist, ob die pränatale Diagnose Komplikationen von Seiten der eviszerierten Bauchorgane verhindern kann. Hingegen ermöglicht die pränatale Diagnose, insbesondere im Zusammenhang mit der Diagnose einer Omphalocele, eine Chromosomenuntersuchung zum Ausschluss resp. Nachweis eines genetischen Defektes oder eines Syndroms. Die Mortalität liegt bei positiver pränataler Diagnose bei etwa 5%, ohne hingegen bei etwa 15%. In bezug auf die Geburtsmodalität ist in grösseren Serien kein signifikanter Unterschied bezüglich vaginaler Entbindung gegenüber einer Sectio caesarea (Kaiserschnitt) auszumachen, ausser bei einer sogenannten „giant omphalocele“. Bei dieser Form liegt der grösste Anteil der Leber ausserhalb des Abdomens und die Sectio caesarea wird wegen der grösseren Verletzungsgefahr der Leber, generell favorisiert.

    Omphalocele

    Eine Omphalocele entsteht bei Persistenz des physiologischen Nabelbruches über die 16. Schwangerschaftswoche hinaus. Es handelt sich um eine echte Hernie. Die Celenwand besteht aus Peritoneum, Wharton‘scher Sulze sowie Amnionepithel. Falls die Cele kleiner als 2 cm ist und lediglich Darm als Inhalt hat, sprechen wir von einer „hernia into the cord“. Diese ist häufig assoziiert mit Anomalien des Meckel’schen Divertikels. Es gibt drei Orte des sog. „Infoldings“ der Bauchdecke, weshalb die Omphalocele an verschiedenen Lokalisationen in bezug auf das Abdomen auftreten kann. Die Cele kann epigastrisch sein. In diesem Bereich ist sie vor allem assoziiert mit sternalen und intrakardialen Defekten, wie z.B. der Cantrell’schen Pentalogie. Sie kann hypogastrisch gelegen sein, dort ist sie assoziiert mit urogenitalen Defekten, wie z.B. der Kloakenextrophie, oder sie liegt wie in den meisten Fällen im Mittelbauch. Es handelt sich um einen Fehler in der Organogenese. Assoziierte Fehlbildungen finden sich in etwa 35-80% aller Fälle und betreffen vor allem den Gastrointestinaltrakt, das kardiovaskuläre System sowie Syndrome. In 80% aller Fälle ist die Leber in unterschiedlichem Ausmass mitbetroffen. Bei einer sog. „giant omphalocele“ liegt der Hauptanteil der Leber in der Cele.
    a) Gastrointestinale Fehlbildungen:
    Hier ist insbesondere die obligat vorhandene Nonrotation zu erwähnen.
    b) Kardiovaskuläre Fehlbildungen:
    Zu einem Drittel liegt eine Fallot’sche Tetralogie vor und ein VSD findet sich in ca. 25% der Fälle.
    c) Syndrome:
    Bekannt sind Trisomien 13-15, 18 und 21 (zusammen in etwa 20% der Fälle), das Wiedemann-Beckwith-Syndrom oder EMG-Syndrom (Exomphalos, Makroglossie, gigantismus) (12%), Cantrell‘sche Pentalogie (Upper Midline-Syndrom), das Lower Midline-Syndrom, das Rieger-Syndrom und das Prune-belly-Syndrom. In 30-40% aller Fälle finden sich Chromosomenanomalien. Eine vorzeitige Entbindung hat keine Vorteile gegenüber einer Geburt am Termin.

    Gastroschisis

    Bei der Gastroschisis ist die Nabelschnur intakt, der Defekt liegt extraumbilical, meistens rechts der normalen Nabelschnurund es findet sich kein Bruchsack. Bei der Gastroschisis handelt es sich um einen "Unfall“ während der Fetalperiode. Die frei in der Amnionflüssigkeit schwimmenden Darmabschnitte erleiden eine chemische Peritonitis. Assoziierte Fehlbildungen finden sich vor allem im Bereich des Gastrointestinaltraktes, nämlich wiederum eine obligate Nonrotation, dazu auch intestinale Atresien in etwa 10-25% der Fälle. Die Darmfehlbildungen sind unabhängig von der Grösse des Bauchwanddefektes. Je nachdem ob eine assoziierte Darmfehlbildung (Atresie) vorliegt oder nicht, spricht man von einer einfachen (ca. 2/3 aller Fälle) oder einer komplexen (ca. 1/3) Gastroschisis. Pränatal ist eine Differenzierung nicht möglich. In mehreren Studien konnte kein Vorteil einer elektiven Sectio gegenüber einer vaginalen Geburt gezeigt werden. Ebenso ist unklar, ob eine vorzeitige Entbindung einen günstigen Einfluss hat. Alle Feten zeigen eine intrauterine Wachstumsretardierung. Bei der Gastroschisis mit Darmatresie handelt es sich um ein Spektrum, es kann entweder eine einfache Atresie bei normal restlichem Darm vorliegen oder eine kongenitale colokutane Fistel. Bei einem sehr kleinen Bauchwanddefekt kann es zum Abschnüren des eviszerierten Darmabschnittes kommen (sog. „Vanishing Bowel Syndrome“). Schliesslich kann der Bauchwanddefekt nach Amputation des nekrotischen Darmabschnittes sich verschliessen, wobei dann ein kongenitales Kurzdarmmalrotationssyndrom vorliegt (siehe Abb. 1).

    Postnatales Management:

    Kinder mit einem Bauchwanddefekt haben wegen des Wärmeverlustes ein erhöhtes Risiko zur Unterkühlung. Aus diesem Grunde sollte postnatal ein durchsichtiger, steriler Plastiksack (Darmsack/intestinal bag) vom Fuss her über das Becken und Abdomen bis unter die Achselhöhlen gestülpt werden. Damit kann der Wärmeverlust eingedämmt und gleichzeitig eine Kontrolle der Viscera vorgenommen werden. Da so die Arme ausserhalb des Darmsackes liegen, können Verletzungen der eviszerierten Organe vermieden werden. Als zweite Massnahme ist unbedingt eine Magensonde einzulegen, die repetitiv aspiriert werden soll oder an den Sog zu legen ist, um eine Ueberblähung des Magens und der Därme zu verhindern.

    Therapie

    Omphalocele:
    Bei der „giant omphalocele“ empfiehlt sich eine Gerbung des Celensackes mit 0,5%igem Silbernitrat. Bei den übrigen Formen kann je nach Ausdehnung ein primärer Bauchdeckenverschluss vorgenommen werden oder es muss eine Schusterplastik (silastic pouch/silo) mit nachfolgend sekundärem Bauchdeckenverschluss angelegt werden. Bei der „hernia into the cord“ ist praktisch immer ein primärer Bauchdeckenverschluss möglich.
    Gastroschisis:
    Bei dieser Fehlbildung kann ebenfalls je nach Ausdehnung sowie je nach Ausprägung der fetalen resp. chemischen Peritonitis ein primärer Bauchdeckenverschluss durchgeführt werden oder es muss ein Silastic Pouch angelegt werden. Bei der Gastroschisis hat sich neuerdings die Implantation eines sogenannten „spring loaded silo“ ohne Anästhesie auf der Intensiv- resp. Neugeborenenstation als sehr günstig erwiesen. Die Vorteile dieses „spring loaded silo“ mit schrittweiser Reduktion der Viscera ins Abdomen und sekundärem Bauchdeckenverschluss sind tiefere Beatmungsdrucke, frühere Extubation, weniger Komplikationen von Seiten der Viscera sowie eine kürzere Hospitalisationsdauer.
    Die Kriterien, die über die Anwendung der chirurgischen resp. therapeutischen Optionen entscheiden, sind einerseits die Grösse des Befundes und andererseits allfällige pulmonale Probleme. Wenn technisch möglich, d.h. falls der Zustand des Darmes dies zulässt, ist eine primäre Wiederherstellung der Darmkontinuität mittels primärer Anastomose bei Patienten mit einer Gastroschisis und assoziierter Darmatresie eine vernünftige Option. Als Gold-Standard gilt nach wie vor der postnatale chirurgische Eingriff. Aktuell wird in Studien der Effekt eines Amnionflüssigkeits-Austausches überprüft.

    Komplikationen:

    Die Komplikationen im Zusammenhang mit den Bauchwanddefekten sind der intrauterine Darmverlust durch einen Volvulus oder ischämische Nekrose des eviszerierten Darmabschnittes mit nachfolgendem Kurzdarmsyndrom, postnatal, insbesondere nach dem Bauchdeckenverschluss, ein abdominales Compartmentsyndrom mit Hypoperfusion der Viscera, allfälliger sekundärer Nekrose und renaler Dysfunktion sowie eine nekrotisierende Enterokolitis, die in der Regel erst nach etwa 10 Tagen auftritt. Im Gegensatz zur Omphalocele kommt es bei der Gastroschisis fast immer zu einer verzögerten Darmpassage im Sinne einer Hypoperistaltis, die vermutlich in einer Alteration des enteralen Nervenplexus bedingt ist. Die intestinale Transitzeit normalisiert sich erst im alter von ca. 5 Monaten. Zusätzlich liegen häufig eine Resorptionsstörung sowie gelegentlich eine Disaccharidintoleranz vor. Relativ häufig findet sich nach einem Bauchdeckenverschluss wegen Ompahlocele oder Gastroschisis eine Hiatushernie.

    Literatur:

    Kamata S et al, Prenatal Diagnosis of Abdominal Wall Defects and Their Prognosis, J Pediatr Surg 31, 267-271, 1996

    Kimble RM et al Vanishing gut in infants with gatroschisis, Pediatr Surg Int 15:483-485, 1999

    King J et al, Gastroschisis: etiology, diagnosis, delivery options and care, Neonatal Netw 22: 7-12, 2003

    Kitchanan S et al, Neonatal outcome of gastroschisis and exomphalos: a 10-year review. J Paediatr Child Health 36:428-30, 2000

    Hoehner JC et al, Management of gastroschisis with concomitant jejuno-ileal atresia, J Pediatr Surg 33: 885-888, 1998

    Quirk JG Jr et al, Outcomes of newborns with gastroschisis: the effects of mode of delivery, siteof delivery, and interval from birth to surgery, Am J Obstet Gynecol 174:1134-8; discussion 1138-40, 1996

    Sapin E et al, Prenatal diagnosis and management of gastroschisis, Pediatr Surg Int 8: 31-33, 1993

    Singh SJ et al, Gastroschisis: determinants of neonatal outcome. Pediatr Surg Int. 19:260-265, 2003


    © kinderchirurgie/pediatric surgery - online