Alagille-Syndrom
Synonyme: syndromale Form der "paucity of interlobular bile ducts (PILBD)",
intrahepatische Gallengangshypoplasie
Eine intrahepatische Cholestase kann bedingt sein 1. durch eine virale, metabolische
oder toxische Störung der Leberzellfunktion, wobei die Galle nicht normal
aus den Leberzellen sezerniert wird und keine morphologischen Veränderungen
der intrahepatischen Gallengänge vorliegen, oder 2. durch eine morphologische
Veränderung im Sinne einer Verminderung der Anzahl der interlobulären
Gallengänge. In diesem Fall wird die Galle normal aus den Leberzellen
sezerniert, aber die intrakanalikuläre Exkretion ist abnormal.
Von einer verminderten Anzahl interlobulären Gallengänge - paucity
of interlobular bile ducts (PILBD) - spricht man, wenn histologisch bei einer
Auszählung von mindestens 10 Portalfelder weniger als 0,5 interlobuläre
Gallengänge pro Anzahl Portalfelder gefunden werden (normal 0,9-1,8).
(Der normale Durchmesser der Gallengänge beträgt mehr als 20 µ).
Das Alagille-Syndrom (1,2) umfasst folgende Symptome:
- Chronische Cholestase
- Typische Facies
- Hypoplasie oder Stenose der Pulmonalarterie
- Schmetterlingsdeformität der Wirbelbögen
- Posteriores Embryotoxon.
Die Cholestase entwickelt sich meistens innerhalb der ersten 3 Lebensmonate,
die Stühle können normal gefärbt oder acholisch sein. Eine Hepatomegalie
besteht immer. Die Bilirubinwerte sind nicht exzessiv (70-120 µmol/l),
hingegen finden sichÝ extrem hohe Cholesterol- und Lipidwerte. Die typische
Facies ist ebenfalls in den ersten Lebensmonaten vorhanden. Diagnostische Züge
finden sich aber meist erst gegen Ende des ersten Lebensjahres, nämlich
eine prominente Stirne, eingesunkene Augen mit einem milden Hypertelorismus
und kleines prominentes Kinn. Die cardiovaskuläre Malformation ist entweder
eine Pulmonalarterienhypoplasie oder -stenose, was sich im Echokardiogramm oder
in der Angiographie zeigen lässt. In ca. 10 % der Fälle finden sich
zusätzliche cardiovaskuläre Fehlbildungen. Die Schmetterlingsfehlbildung
der Wirbel ist ebenfalls bereits in den ersten Lebensmonaten vorhanden, zeigt
sich jedoch meist erstÝ bei älteren Kindern deutlich. Das posteriore Embryotoxon
ist eine 1-2 mm über dem Limbus corneae gelegene weisse Linie, die man
bei 10 % aller Gesunden und 10 % aller Patienten mit einer Cholestase findet.
Diese fünf Hauptsymptome variieren in ihrem Auftreten, d.h. es gibt auch
sogenannt partielle Formen des Alagille-Syndroms, wo nur 3 oder 4 dieser Hauptsymptome
vorhanden sind.
Weniger häufig assoziierte Fehlbildungen sind Wachstums- und Entwicklungsrückstand,
Hypogonadismus, Nierenpathologien, weitere Knochenfehlbildungen und eine hohe
Stimme.
Es wird eine autosomal dominante Vererbung diskutiert.
Eine chirurgische Therapie hat keinen Platz in der Behandlung des Alagille-Syndroms,
dessen Therapie weitgehend symptomatisch ist. Günstig ist eine Phenobarbitaltherapie
5-10 mg/kg/Tag, was die Cholerese unterstützt. Bei starkem Pruritus kann
auch eine Therapie mit Cholestyramin 4-8 g/Tag erwogen werden. In bezug auf
die Ernährung ist die Supplementierung einer normalen Diät mit MCT
angezeigt und eine regelmässige parenterale Zufuhr der wasserlöslichen
Vitamine notwendig.
Die Prognose des Alagille-Syndroms, d.h. der syndromalen Form der Gallengangshypoplasie
ist deutlich besser als diejenige anderer Formen der chronischen intrahepatischen
Cholestase im Kindesalter (3). Interessanterweise ist die Prognose für
die nicht-syndromale Form der paucity of interlobular bile ducts (PILBD) wesentlich
schlechter.
Literatur:
1. Alagille D., Paucity of Interlobular Bile Ducts. In: Cholestasis in Neonates,
J. Waldschmidt, G. Charissi, F. Schier eds., Zuckerschwerdt Verlag München,
1988, p. 33-46
2. Alagille D., Odievre M., Gautier M. et al., Hepatic ductular hypoplasia
associated with characteristic facies, vertebral malfunctions, retarded physical
mental and sexual development, and cardiac murmur.Ý J. Pediatr. 86: 63, 1975
3. Odievre M., Hadchouel M., Landrieu P., et al., Long-term prognosis for
infants with intrahepatic cholestatis and patent extrahepatic biliary tract.
Arch. Dis. Child. 56: 373, 1981
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