Das Unfallgeschehen von 0- bis 16jährigen Kindern


Eine Untersuchung der bfu (Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung) im Rahmen der permanenten Unfallerfassung in ausgewählten Kinderkliniken der Schweiz: Jahr 1 (1996/1997)

Kinderunfälle sind nicht nur häufig, sondern haben oft auch schwere Verletzungen zur Folge. So verunfallen in der Schweiz jedes Jahr rund 100 Kinder im Alter bis zu 14 Jahren tödlich, etwa die Hälfte davon im Strassenverkehr. Die Todesfälle stellen jedoch nur die Spitze des Eisbergs dar. Das Ausmass der nicht-tödlichen Kinderunfälle ist nicht exakt bekannt, weil in diesem Bereich nicht systematisch Daten erhoben werden. Zwar werden hin und wieder Untersuchungen zu Kinderunfällen durchgeführt, diese sind jedoch meist lokal begrenzt oder stellen einen Status Quo dar, der wenig später bereits überholt sein kann. Aufgrund der mangelhaften Datengrundlage hat sich die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu in Zusammenarbeit mit der Pädiatrischen und Kinderchirurgischen Gesellschaft das Ziel gesetzt, eine permanente gesamtschweizerische Datenerfassung in den Kinderkliniken einzurichten. Dadurch können einerseits das Unfallgeschehen langfristig beobachtet und Verände-rungen festgestellt werden, andererseits stehen Grundlagen für die Unfallprävention zur Verfügung.

Insgesamt wurden 12051 Kinder in der Studie erfasst.

Unfallart

Unfallart absolut in Prozent
Stürze 6994 58,9
anprallen/anstossen 1377 11,6
Verkehrsunfall 766 6,5
einklemmen 457 3,8
sich schneiden/stechen 434 3,7
Misstritt (ohne Sturz) 310 2,6
Verbrennung/Verbrühung 261 2,2
Hundebiss 79 0,7
Vergiftung/Verätzung 28 0,2
anderes 1169 9,8
keine Angabe 176 (1,5)
Total 12051 100,0

Unfallort

eigenes Zuhause 4467 37,7
Sportplatz/Freizeitanlage 1867 15,8
Kindergarten-/Schulareal 1634 13,8
Verkehrsfläche 994 8,4
Spielplatz 828 7,0
fremdes Zuhause 499 4,2
Schulweg 206 1,7
anderes 1156 9,8
unbekannt 199 1,7
keine Angabe 201 (1,7)
Total 12051 100,1

Tätigkeit beim Unfall

Tätigkeit beim Unfall absolut in Prozent
Spielen, Herumtollen 4803 41,7
als Verkehrsteilnehmer 706 6,1
Fussball 611 5,3
andere Ballspiele 527 4,6
In-Line Skating, Rollschuhlaufen 421 3,7
Skifahren 156 1,4
Schlitteln 124 1,1
Snowboard 99 0,9
Reiten 89 0,8
anderer Sport 753 6,5
Raufen, Streiten 261 2,3
Haus-/Gartenarbeit 172 1,5
Baden, Schwimmen, Planschen 136 1,2
anderes 2647 23,0
keine Angabe 546 (4,5)
Total 12051 100,1

Verletzungen

Verletzungen
(eine oder mehrere dieser Art)
Anzahl in Prozent (Basis: Unfalltotal)
Prellung/Quetschung 2613 22,9
offene Wunde Kopf/Hals 2249 19,7
andere offene Wunde 739 6,9
Fraktur obere Extremität 2008 17,6
Fraktur untere Extremität 601 5,3
Fraktur Schädel/Gesicht 210 1,8
Fraktur Wirbelsäule/Rumpfskelett 28 0.2
Verstauchung/Zerrung 1268 11,1
intrakranielle Verletzung 97 5 8,5
Luxation 337 3,0
oberflächliche Verletzung 333 2,9
Verbrennung 277 2,4
Fremdkörper in Körperöffnung 120 1,1
innere Verletzung 25 0,2
Vergiftung 24 0,2
Verletzung Blutgefässe 3 0,0
Nerven-/Rückenmarksverletzung 0 0,0
andere Verletzung 167 1,5
keine Angabe 639 (5,3)

Zusammenfassung

Im ersten Jahr der permanenten Erfassung von Kinderunfällen wurden an den beteiligten Kliniken insgesamt 12Õ051 Unfälle registriert. Von Unfällen betroffen sind insbesondere Kinder zwischen 0 und 4 Jahren, die mit einem Anteil von 37,3 Prozent deutlich häufiger verunfallen als 5- bis 9- und 10- bis 14jährige mit je rund 28 Prozent. Das Verhältnis zwischen Knaben und Mädchen beträgt 60 zu 40, d.h., Knaben erleiden um die Hälfte mehr Unfälle als Mädchen. Kinderunfälle sind zu rund 60 Prozent Stürze, wobei der Sturz auf gleicher Ebene häufiger ist als derjenige aus der Höhe. Bei letzterem dominieren die Stürze von Möbelstücken herunter; in die-sem Zusammenhang besonders zu erwähnen ist das Kajütenbett: Jedes 20. Kind, das einen Unfall infolge eines Sturzes aus der Höhe erleidet, fällt vom oberen Kajütenbett. Nebst den Möbelstücken stehen die Spielplatzgeräte im Vordergrund, wobei die häufigsten Stürze diejenigen von der Rutschbahn und von der Schaukel sind. Dominierende Verletzungen nach Stürzen aller Art sind mit einem Anteil von rund 30 Prozent die Frakturen (zu drei Vierteln solche der oberen Extremi-tät) und die offenen Wunden (27 Prozent), die fast ausschliesslich auf den Kopf- und Halsbereich beschränkt sind. Nebst den Stürzen stellen die Strassenverkehrsunfälle eine wichtige Kategorie dar: Diese sind nicht nur relativ häufig (6,5 Prozent aller Unfälle), sondern haben oft auch schwere Verletzungen zur Folge. Kinder verunfallen im Strassenverkehr grösstenteils mit dem Fahrrad (rund 60 Prozent), seltener als Fussgänger (17 Prozent) oder als Mitfahrer (15 Prozent). Von Fahrradunfällen sind Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren am häufigsten betroffen (42 Prozent), wobei der Anteil der 5- bis 9jährigen mit 37 Prozent nur geringfügig kleiner ist. Fahrradlenker verunfallen vor allem durch Selbstunfälle (rund 75 Prozent) und nur zu einem kleineren Teil durch Kollisionen mit ande-ren Fahrzeugen (25 Prozent); bei letzteren sind Kollisionen mit einem Auto am zahlreichsten. Etwa jeder vierte Fahrradunfall hat eine intrakranielle Verletzung zur Folge. Die Verunfallten, die einen Schutzhelm getragen haben (19 Prozent), erleiden deutlich seltener intrakranielle Verletzungen, offene Wunden in der Kopf-/Halsregion und Frakturen der Schädel- und Gesichtsknochen als die ohne Helm Verunfallten. Das Helmtragen scheint mit der sozialen Schicht zusammenzuhän-gen: Je höher diese ist, desto höher auch die Helmtragquote. Von Fussgängerunfällen betroffen sind mit einem Anteil von rund 62 Prozent hauptsächlich die 5- bis 9jährigen Kinder. Im Vergleich zu anderen im Strassenverkehr Verunfallten müssen die Fuss-gänger am häufigsten hospitalisiert werden, d.h., sie erleiden relativ schwere Verletzungen (34 Prozent Frakturen, 22 Prozent intrakranielle Verletzungen). Bei den als Mitfahrer im Auto verunfallten Kindern fällt auf, dass nur rund 30 Prozent der 0- bis 4jährigen und 18 Prozent der 5- bis 9jährigen mit einem Kindersitz gesichert waren. Im Moment des Unfalls haben lediglich nicht ganz 50 Prozent der älteren Kinder (10- bis 14jährige) den Si-cherheitsgurt getragen. Verbrennungen und Verbrühungen machen zwar nur etwas mehr als 2 Prozent aller Unfälle aus, sie müssen jedoch als schwere Unfälle beurteilt werden, weil zum einen hauptsächlich die jüngsten Kinder betroffen sind und zum andern oft mit bleibenden Nachteilen gerechnet werden muss. Rund die Hälfte der thermischen Verletzungen geht auf Verbrühungen zurück, 30 Prozent werden durch Kontakt mit heissen Gegenständen verursacht. Die häufigste Quelle einer Kontaktverbren-nung ist die Herdplatte, gefolgt vom Backofen. Hingegen sind Verbrennungen durch Feuer und Glut relativ selten. In 78 Prozent der Verbrennungen und Verbrühungen ist eine Körperoberfläche zwischen 1 und 4 Prozent, in 16 Prozent zwischen 5 und 9 Prozent und in 6 Prozent von 10 und mehr Prozent betroffen (1. bis 3. Grad).

Schlussfolgerungen

Die Resultate des ersten Jahres der permanenten Erfassung von Kinderunfällen haben Bekanntes bestätigt: Der Sturz ist der typische Kinderunfall, Verkehrsunfälle und Verbrennungen und Ver-brühungen sind nicht besonders häufig, haben aber oft schwere Verletzungen zur Folge. Ansonsten hat sich gezeigt, dass den relativ neuen Sportarten wie Snowboarden und In-Line Skating zuneh-mend Bedeutung zukommt: Unfälle beim In-Line Skaten und Rollschuhlaufen stehen im Sport nach den Unfällen beim Fussballspielen an zweiter Stelle, Unfälle beim Snowboarden machen be-reits 40 Prozent aller Unfälle beim Ski- und Snowboardfahren aus. Die genannten Sportarten füh-ren zwar selten zu Unfällen mit schwersten Verletzungen, aber allein die Unfallhäufigkeit sowie die grosse Anzahl von Frakturen verlangen Massnahmen zur Unfallverhütung. Im Bereich der Strassenverkehrsunfälle fällt die geringe Sicherungsquote der Verunfallten durch Kindersitz, Si-cherheitsgurt und Fahrradhelm auf. Eine Erhöhung der Sicherungsquote durch die verschiedenen Schutzmittel (Kindersitz, Sicherheitsgurt, Helm) ist unbedingt anzustreben, damit der Anteil der schweren Verletzungen gesenkt werden kann. Die Wirksamkeit gerade des Fahrradhelms konnte auch in vorliegender Untersuchung belegt werden. Anlass zur Besorgnis gibt die Tatsache, dass die 5- bis 9jährigen fast ebenso häufig als Fahrradfahrer verunfallen wie die 10- bis 14jährigen. Dies weist auf einen immer früheren Gebrauch des Fahrrads im Strassenverkehr hin, obwohl auf-grund gesetzlicher Bestimmungen das Fahrradfahren im Verkehr erst ab Schulpflicht erlaubt ist. In diesem Bereich besteht mit Sicherheit Handlungsbedarf, insbesondere deshalb, weil bekannt ist, dass Kinder in diesem Alter weder kognitiv noch motorisch den Voraussetzungen des Strassenverkehrs gewachsen sind.