Warum Kinder in Autos besonders gesichert werden müssen


Für erwachsene Autoinsassen sind heute Gurt und Airbag Standard. Dem Schutz von Kindern im Auto hingegen wurde lange Zeit nicht genügend Beachtung geschenkt – sowohl von Eltern, Kindersitzherstellern, den Gesetzgebern als auch der Automobilindustrie.
Dabei müssten gerade Kinder besonders gesichert werden.
Etwa die Hälfte aller gefährlichen Kollisionen von Personenwagen erfolgen in frontaler Richtung. Wie jeder andere Körper wird das Kind dabei nach vorne geworfen. Auf dem Beifahrersitz sitzende Kinder prallen am Armaturenbrett oder an der Windschutzscheibe auf. Hinten sitzende Kinder prallen entweder an der Rückseite des Vordersitzes oder nach dem Flug zwischen den Vordersitzen hindurch am Armaturenbrett oder der Windschutzscheibe auf. In beiden Fällen sind vor allem Kopfverletzungen und innere Brust- oder Bauchverletzungen die Folge. Bei Seitenkollisionen können Kinder im Fahrzeug herumgeworfen werden, Verletzungen werden je nach Aufprallstelle im Fahrzeug verursacht. Sitzen zwei oder mehrere ungesicherte Kinder auf der Rücksitzbank, verletzen sie sich beim Anprall gegenseitig. Seltener, aber oft noch gefährlicher, sind Überschläge, bei denen das Kind aus dem Fahrzeug geschleudert wird.

Massnahmen zum Schutz der Kinder

Generell gilt deshalb, dass Kinder unter 12 Jahren oder unter 150 cm Körpergrösse besondere Rückhaltevorrichtungen benützen sollten. Solange es möglich ist (bis 18 oder 24 Monate, ca. 13 kg Gewicht), sollten Kinder in rückwärts gerichteten Sitzen (Reboard-Sitz) mitgeführt werden. Falls vorne ein Airbag vorhanden ist, darf dieser Sitz nur auf dem Rücksitz befestigt werden, weil sonst der Airbag mit grosser Geschwindigkeit gegen die am Armaturenbrett angelehnte Sitzschale schlägt und eine hohe Kopfbelastung resultiert. Wenn das Kind aus verschiedenen Gründen (bessere Kontrolle, zweiplätziges Auto) trotz allem vorne in einem Reboard-Sitz sitzen soll, muss der Airbag abgeschaltet werden. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung von «Experten» oder einzelnen Kinderärzten ist dagegen ein vorwärts gerichteter Kindersitz für Kinder über 2 Jahre in einem Auto mit Airbag am Beifahrerplatz dann keine Gefahr, wenn der Fahrzeugsitz ganz nach hinten verschoben wird.
Für Kindern, die dem eigentlichen Kindersitz entwachsen sind, bietet die Sitzerhöhung eine zusätzliche Sicherheit, weil dadurch die Gurtgeometrie im Bereich Hals und Becken-Bauch verbessert wird.
Bald werden Fahrzeughersteller serienmässig die ISO-Fix-Befestigungen anbieten. In diese Bügel können entsprechend konstruierte Kindersitze eingeklinkt werden. Studien in Deutsch-land, England und Schweden zeigen eine Reduktion von Fehlmontagen von 65% bei normalen Reboard-Sitzen auf 10% bei neuen Sitzen mit ISO-Fix-Befestigung.
Kindersitze mit energieaufnehmenden seitlichen «Ohren» im Kopfbereich reduzieren die Gefahr von Kopfverletzungen. Falls ein Seitenairbag im oberen Türbereich vorhanden ist, sollten Kinder aufrecht sitzen; eine schräge (Schlaf-)-Stellung gegen die Türe hin könnte kritische Kopf- oder Halswirbelbelastungen ergeben. Besonders gefährlich ist eine Liegestellung quer zur Fahrtrichtung in Fahrzeugen mit Seitenairbag im unteren Türbereich (Becken- und Brustschutz), wenn der Kopf nahe am Ort liegt, wo sich der Airbag entfaltet. Insgesamt bietet aber der Seitenairbag bei Beachtung dieser Empfehlungen auch für Kinder einen zusätzlichen Schutz.

Empfehlungen

Vorsichtig Autofahren (entscheidende, aber oft nicht beachtete Binsenwahrheit).
Verwendung einer altersgemäss empfohlenen Kinderrückhaltevorrichtung für Kinder unter 12 Jahren oder unter 150 cm Körpergrösse.
Kinder bis 18 oder 24 Monate (ca. 13 kg Gewicht) sollten rückwärts gerichtete Sitze (Reboard-Sitz) verwenden, wenn möglich auf dem Rücksitz, vorne nur, wenn ein vorhandener Airbag ausgeschaltet werden kann.
Ein vorwärts gerichteter Kindersitz für Kinder über 2 Jahren führt auf dem Beifahrerplatz auch in einem Auto mit Airbag nicht zu Gefahren, wenn der Fahrzeugsitz ganz nach hinten geschoben wird.
Grössere Kinder sollten eine Sitzerhöhung verwenden, weil dadurch die Gurtgeometrie im Hals- und Becken-Bauchbereich verbessert wird.
o Fahrzeuge mit ISO-Fix-Befestigungssystem vermindern die biomechanische Belastung des Kindes, auch ist die Gefahr von Falschmontagen geringer.
o Der Seitenairbag bietet auch für Kinder einen zusätzlichen Schutz; es muss aber beachtet werden, dass die Kinder aufrecht sitzen, weil eine schräge (Schlaf-)-Stellung gegen die Tü-re oder eine Liegestellung quer zur Fahrtrichtung kritische Kopf- oder Halswirbelbelastungen ergeben könnten.
o Bei speziellen Fragestellungen gibt die Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu in Bern weitere Auskünfte.

Prof. Dr. med. Felix Walz
Arbeitsgruppe für Unfallmechanik
c/o Institut für biomedizinische Technik
Gloriastrasse 35
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